Wissen auf Grasnarbenniveau: Soziale Medien & komplexe Themen

by Eric Kubitz on Juli 30, 2010

in Webzeugs

Medienmagazine schreiben über die technischen Details von Handys, Google-Optimierer äußern sich zu gesellschaftlichen Themen wie dem Datenschutz, Kommunikationstrainer erklären die Finanzgesetzgebung – und das alles mit großem Erfolg. Hurra! Wie wir es uns vor 15 Jahren gegenseitig versprochen haben: Im Internet kann jeder zum “Sender” werden – so lange er will und völlig unabhängig davon ober kann.

Ich muss noch mal auf mein leidiges Thema “Inhalt” zurück kommen. Möglicherweise überschätze ich die Lesefähigkeit des durchschnittlichen Internet-Besuchers und die vielen Texte dienen nur der Google-Optimierung. Aber ich KANN lesen und ich bin genervt!

Deshalb komme ich gleich zum Punkt: Sucht doch mal auf Google nach “Kleingewerberegelung” und nach “Anzeichen Hautkrebs”. Die Antworten auf diese zwei durchaus heikle Fragen kommen von den lustigen Mitmach-Portalen “WerWeissWas” und “Gute Frage”. Jemand (ich betone: JEMAND) erklärt dort die Zusammenhänge der Welt im Allgemeinen und woran man Hautkrebs erkennt und wie man steuerlich mit komplexen Details wieder Kleingewerberegelung umgehen sollte. Das können kluge Antworten von gebildeten Menschen sein – aber das ist meiner Meinung nicht sehr wahrscheinlich.

Zum Beispiel auf die Frage nach dem Hautkrebs hat die ausführlichste Antwort Claudi1973 auf Lager. Das hier ist ihr Profil:

gutefrage

Na? Vielleicht gehen wir doch lieber zum Arzt, wenn wir komische Flecken auf der Haut sehen. Oder?

Ich denke da sind viele Betroffene unterwegs, die mit den Themen schon mal konfrontiert und etwas darüber gehöhrt haben. Aber  es sind immer auch die Leute, die die Zeit und den Drang haben, mit ihrem Wissen offentlich zu helfen. Daran ist nichts Verwerfliches, man sollte vermutlich dankbar sein für die  paar Menschen, die all diese Sozialen Medien am Laufen halten und den Betreibern super IVW-Zahlen und Werbeeinahmen bescheren. Aber ebendies ist halt das Gegenteil eines Qualitätsbeweises.

Das Gegenteil eines Qualitätsbeweises? Will ich damit sagen, dass wir uns auf Portalen wie WerWeissWas, GuteFrage und bei wirklich vielen anderen Sozialen Medien überhaupt keine Qualität erwarten dürfen? Jepp! Genau das will ich damit sagen.

Jedenfalls zumindest für die beiden genannten Portale: Viele anonyme User, eine perfekte Google-Optimierung und keine Möglichkeit für einen echten Profi, sich zu profilieren. Wer sich also in komplexen Themen auskennt und das jahrelang gelernt hat (noch reicht für den Beruf des Steuerberaters und des Arztes kein Google-Diplom), wird vermutlich versuchen, damit Geld zu verdienen. Das geht mit der Kostenlos-Kultur im Internet nicht zusammen. Deshalb können hier nur Menschen antworten, die aus zweiter oder Dritter Hand ein bisschen Halbwissen gesammelt haben. Und als SEO kann ich sagen, dass Halbwissen äußerst gefährlich sein kann. Ärzte und Anwälte können das wohl bestätigen.

Informationen auf Hörensagen-Basis gehen ja schon auch in Ordnung: Wie pflege ich meine Pflanzen, welches Handy soll ich kaufen und wohin auf Mallorca will ich eigentlich? Bei komplexen Themen ist die Web 2.0 Kultur aber am Ende, denke ich.

Und wer ist schuld? Vor allem die Profis, die Leute die mit der Behandlung von Krebs und dem professionellen Sparen von Steuern ihr Geld verdienen! Die könnten doch auch mal bitte kostenlos aufschreiben, wie das alles so geht. Auch die müssen sich an das neue Zeitalter gewöhnen: gebe, gebe – dann wird dir auch gegeben. Oder? Quatsch! Denn ein Jurist veröffentlicht nicht deshalb keinen 150-Wörter-Artikel über eine passende Reaktion auf Abmahungen wegen Urheberrechtsverletzung weil er lieber das Honorar will. Sondern weil es schlicht nicht geht! Die Welt ist nun mal komplex und stellenweise schwer erklärbar. Da braucht man halt mehr als 150 Wörter Text für gute Frage…

Was also tun?

Erstens mal sollte sich jeder jeweils darüber bewußt sein, wie komplex seine Fragestellung ist. Und wenn sie in ein professionelles Themenfeld fällt, sollte man als Fragender kurz die Überlegung anstellen, warum andere Leute Geld mit der Beantwortung solcher Fragen verdienen. Das ist nicht immer nur auf die Gier von Ärzten, Juristen und Beratern zurück zu führen. Sondern, weil es halt ein bisschen braucht, um  in manchem Thema schlau zu werden. Und dann gehört natürlich eine Menge Misstrauen in den Blick auf vorhandene Antworten. Wer antwortet hier? Warum?

Man findet ja auch bei komplexen Inhalten gute Inhalte – und nicht nur in der Wikipedia. Es gibt ja auch Unternehmen die Ihre Webseite mit Kompetenz füllen und das als gute Visitenkarte für ihr Geschäft ansehen. In diesen Fällen passt die Kostenlos-Kultur sogar zum professionellen Umfeld. Und trotzdem: es ist Marketing, bedenke dies.

Übrigens: Diese “ich kann in zwei Stunden alles lernen”-Mentalität ist nicht auf das Internet beschränkt. Ich hatte in der vergangenen Woche einen Vortrag über Google-Optimierung zu halten. Zwei Stunden, kostenlos, vor einigen Buchverlegern. Ich tat, was ich konnte (und was an der Uni Ravensburg, in Journalistenschulen und viel inhouse durchaus bewährt und gut bezahlt ist) – aber das war wohl zu wenig. Denn ich bekam am Ende ein verblüffende Reaktion: Der Chef eines Verlagshauses meldet sich zu Wort und zeigte sich enttäuscht über den Vortrag. Er hätte eigentlich schon erwartet, dass ich die Gelegenheit nutze, ganz operativ mal zu erzählen, was zu dieser Google-Optimierung gehört. Jedenfalls so viel, dass die anwesenden Teilnehmer gar keinen professionellen SEO mehr brauchen…

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