Rufmord en-vogue und dissen erlaubt – Hasstiraden im Internet

September 17, 2009

Hans-Martin Schulze – ein eben noch unbekannter Apotheken-Praktikant aus Oldenburg wird über Nacht zum Hassobjekt im Netz. Bei der Pro7 Sendung „Schlag den Raab“ wollte er sich ein wenig Taschengeld dazu verdienen und muss dafür nun bitter büßen. Ob die 500.000 Euro Preisgeld die Blamage für ihn wieder wettmachen können, ist zu bezweifeln. Für die deutsche Öffentlichkeit wirft der Fall aber noch ganz andere Fragen auf, denn das Beispiel Hans-Martin Schulze zeigt wiederum die Gefahr eines regelfreien Internets, in dem Hasstiraden und Mobbing gegen Privatpersonen inzwischen auf der Tagesordnung stehen.

Im August erschien im Spiegel die Reportage „Netz ohne Gesetz“, die sich genau mit diesem Thema befasste. Die Redakteurin Kerstin Kullmann sollte sich darüber mit Cherno Jobatey im ZDF Frühstücksfernsehen unterhalten – ein Auftritt, bei dem sich Kullmann mit dem Satz, „Kinderpornografie, Gewaltdarstellung – all das, was im echten Leben nicht möglich ist, scheint im Netz zu gehen“ , ein wenig ungeschickt zum Thema äußerte. Die Ironie: Wenige Stunden später brachte die „rechtsfreie Zone Internet“  Kullmann selbst zu Fall, in der munter gegen das „dumme Blondchen“ und „die Praktikantin vom Spiegel“ getwittert und gebloggt wurde.

Natürlich, Schulze und Kullmann haben sich im Fernsehen durchaus nicht von ihrer besten Seite gezeigt. Früher wäre ein solcher Fernsehpatzer schnell wieder in Vergessenheit geraten, heute verfolgt ein Fauxpas die Betroffenen noch tage-, wochen- oder sogar jahrelang und kann nach Lust und Laune immer wieder bei Youtube abgerufen werden. So kann das Internet einen kleinen Fehltritt über Nacht zum Trauma machen. Was das für Menschen wie Schulze und Kullmann bedeutet, danach fragen sich nur wenige. Und dass ein unbedachter Twitter-Kommentar oder Blogartikel tatsächlich die Reputation einer Person zerstören und womöglich sogar den Anstoss zu Depressionen oder Selbstmordgedanken bieten kann, scheint vielen egal zu sein. Kann es wirklich sein, dass wir Rufmord ab jetzt dulden und die Privatsphäre für nichtig erklären? Wie der Spiegel in seinem Artikel schon sagte „Da wartet eine dringende Aufgabe auf den Club der guten alten Staaten“…

Könnte passen:

  1. Was ist ein (guter) SEO? Und ist das überhaupt erlaubt?
  2. AGOV: Internet Facts
  3. Mitmach-Internet: Listen sortiert

  • Facebook User

    Oh ja, gutes Thema. Wenn jeder die Möglichkeit hat, seine (manchmal auch unqualifizierte) Meinung in die Welt zu rufen – werden das auch viele tun. Da ist die Technik leider weiter als es eine faire Gesellschaft manchmal verkraften kann. Hoffen wir, dass die Menschen da noch sehr viel hinzu lernen.

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