In einem großartigen Interview in der Süddeutschen mit dem Medien-Designer Daniel van der Velden (leider nicht online) geht es heute um hypotetische Wahrheit im Web. Eine gute Zusammenfassung ist vielleicht dieser Satz: “Was erzählt wird, ist nicht so sehr die Wahrheit, sondern etwas, das nur wahr sein könnte. Und das reicht den meisten Menschen offenbar aus.” Es werden ein paar Beispiele für solch hypotetische Wahrheiten angesprochen – mir gefällt die Lumberton Trading Company am besten!
Vor einigen Wochen wurde wohl eine Spam-Mail massenhaft verschickt, in der die fiktive Plattenfirma “Lumberton Trading Company” mit einer Klage wegen Urheberrechtsverletzungen drohte. Den Namen kannten die Empfänger nicht und suchten danach – bei Google. Massenhaft. Deshalb ploppte diese Plattenfirma plötzlich in den häufigsten Suchergebnissen auf. Hier ein Screenshot der Entwicklung von “Lumberton Trading Company”(blau im Vergleich zu “Heuschnupfen” (rot) und “Dieter Bohlen” (orange).

Das war ein kurzer “Erfolg” – wenn auch mit einem starken Peak (hier bei Insights of Search aber auch bei Trends). Doch das hat schon ausgereicht, dass die automatische Content-Industrie den Hebel auf “Go” stellte und massenhaft Inhalte zum Keyword produzierte – ohne Inhalte zu haben. Wer in Google nach “inurl:lumbertontradingcompany” findet tausende Ergebnisse von Seiten, bei denen “lumbertontradingcompay” im Title steht. Und das sind nicht alles Seiten, die der Spamer aufgebaut hat sondern Seiten, die dann entstehen, wenn ein Begriff Traffic verspricht.
Plötzlich tauchen auf SEO-Seiten Tags auf, Content wird dem einfach mal so zugeordnet, daraus entsteht wieder neuer Content. Und irgendwann erreicht das dann Menschen die ersthaft darüber berichten und sie bekommen das Signal “Es gibt eine Plattenfirma mit diesem Namen”. Diese wird schließlich neben anderen echten Firmen in die Datenbanken aufgenommen und nie mehr gelöscht. A Company was born. Hier einige News, bei denen natürlich auch über den Spam geschrieben wird – was aber die Popularität dieser Plattenfirma noch steigert:

Und so wird aus Spam eine Realität, die zwar nicht wahr ist – aber wahr sein könnte.
Warum? Lassen wir uns zu schnell täuschen? Nicht immer, aber angesichts der Informationsdichte, die wir zu verarbeiten haben, manchmal schon. Hier ein Beispiel, bei dem ich beinahe auf einen cleveren Täuschungsversuch herein gefallen wäre:
Ich wollte eine Domain auf Sedo verkaufen. Es meldete sich recht bald ein Robert P. “President” einer Firma mit nett klingendem Namen und will verhandeln. Wir einigen uns auf einen Preis (irgendwie zu schnell, dachte ich) – aber er hat eine Bedingung: Diese Domain müsse zuvor geprüft werden. Ich solle ihm doch bitte eine unabhängige “Valuation” zuschicken. Dafür gäbe es ja verschiedene “reputable appraisal companies”. Diesen Begriff hatte ich zum ersten Mal gelesen – aber Robert verwies in seiner Mail gleich auf eine unabhängige Quelle – nämlich ein Forum (www.domainexplorer.org/Archive-09-2009/8157463.htm).

Ich also habe mir das durchgelesen, habe mir eine der Companys ausgesucht und wollte schon deren Dienst für ein paar Dollar buchen… HALT! Irgendwas war komisch – deshalb habe ich mir den Quellcode des Forums angeschaut, die Root-Domain, Roberts Domains und nach einer ganzen Zeit war mir klar: Das ist kein Forum sondern ein vorgespieltes Forum. Und wer bei einer dieser Companys ein solches Papier bucht, bezahlt Robert – der keine Domains kaufen sondern diese windigen Gutachten verkaufen will.
Nun, ich habe dann einen Haken dran gemacht. Aber ich will nicht wissen, wie viele User, die eben keinen Quellcode lesen können, auf so etwas rein fallen. Denn immerhin winken ein paar Hundert Dollars für eine alte Domain. Und wenn die Gier mal groß ist, wird man bei der Wahl der Mittel einfach unkritisch.
Jedenfalls sind das beides deutliche Fälle von hypotetischer Wahrheit. Mir gefällt dieser Begriff und wir sollten uns diesem Phänomen immer bewußt sein. Gerade deshalb mein Dank an die Luberton Trading Company, die ein unterhaltsames Beispiel dafür ist, warum Qualität im Web nicht genug gefördert werden kann!
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