Ihr fragt euch, was nach Web 2.0 kommt? Lest “Otherland”

by Eric Kubitz on Dezember 13, 2006

in Webzeugs

Der Begriff “Web 2.0″ rutscht derzeit vom kleinen Stapel der frischen Begriffe in den großen Sumpf der Buzzwords. Kaum ein Magazin, das seine Leser derzeit nicht fragt “Was kommt kommt nach Web 2.0?” und darauf antwortet “Das ist Web 3.0!” Wie ihr wisst, halte ich ja den Begriff Web 3.0 für einfalls- und deshalb chancenlos.

Otherland Tad WilliamsAber, egal: Wenn ihr die entferntere Netz-Zukunft kennen lernen wollt, jenseits von Flickr und auch weit nach Second Life – dann lest Otherland. Was der Amerikaner Tad Williams da vor zehn Jahren aufgeschrieben hat, ist einzigartig. Die vier dicken Bände von Otherland werden gerne mit Tolkiens “Herr der Ringe” verglichen. Aber das stimmt nur zum Teil. Denn Williams Fantasie entwickelte nicht eine Welt die fern der unseren ist, sondern eine Zukunft, die wir vielleicht alle noch erleben.

Gut, dafür braucht er fast 4000 Seiten und vor dieser Textmasse kann man stöhnen. Es gibt auch Kritiker, die die Geschichte als langatmig bezeichnen. Und meist werden die Otherland-Bücher in der Buchladen-Abteilung “Fantasy” versteckt. Aber lasst euch davon nicht beeindrucken: Was Tad Williams 1996 über die Wirklichkeit in etwa 40 Jahren geschrieben hat, ist schlüssig, ist möglich und ist irgendwie zwigend.

Das Setting: In den Megacitys der Zukunft hat natürlich jeder sein “Pad” mit Bildschirm und Spracheingabe in der Tasche und verwendet das als Telefon-Computer-Medienstation. Aber wenn einem die Netzprogramme auf dem Wandbildschirm zu langweilig werden, schlüpft man – überaus interaktiv – mit Kopf und Körper in die Simulationswelt. Die billige Variante hierfür ist eine Datenbrille und ein Schlingentisch für die Bewegung. Wer reich ist, lässt sich im Nacken einen direkten Anschluss zum Nervensystem legen – und die Simulation ist nicht mehr außerhalb sondern im Kopf. Selbstverständlich ist die ganze virtuelle Welt recht konsumfreudig, und nur wer genug wer Geld hat, kann dort alle möglichen Freuden erleben. Soweit das Setting.

Otherland Tad Williams

Die Geschichte ist, dass ein zusammengewürfelter Trupp guter Netzmenschen in einen ganz neuen Teil des Netzes, ins sogenannte “Otherland”, gelockt wird. Dieses Otherland wurde von den reichsten Menschen der Erde erbaut – mit dem Ziel sie im wahrsten Sinne unsterblich zu machen. Klar: Wer schon zur Lebenszeit seinen Körper verlassen und komplett in die virtuelle Welt eintauchen kann, der wird auch auf den Gedanken kommen, dies für die lange Zeit nach dem Tod zu versuchen. Blöderweise brauchen dazu diese arg überzeichneten bösen Reichen die Unterstützung von Kindern und rauben sich diese. Unser Trupp Gutmenschen bricht in das Otherland-System ein und tritt dort den Kampf gegen die böse Gegenmacht an. Was sie vorher nicht wissen: Im Gegensatz zu allen anderen Netzsimulationen ist Otherland so konstruiert, dass sie sich nicht mehr ausloggen können und schnell merken, dass ein Tod in einer der phantasiereichen Unterwelten auch gleich den realen Tod nach sich zieht.

Tad WilliamsIch lese Otherland derzeit zum zweiten mal – diesmal mit meinem Sohn. Und ich bin zum zweiten mal davon überwältigt, wie realistisch und durchdacht Tad Williams Zukunftswelt ist. Natürlich werden wir uns irgendwann per Buchse komplett in eine virtuelle Welt einklinken können und selbstverständlich wird diese Welt voller Werbung und Verlockungen sein. Die Frage ist eigentlich nur noch: Wann? Ja, und es sind die Nebenschauplätze in Otherland die mich faszinieren: Wie der Kinderstar Mr. Jingle, ein virtueller Clown, von einem ganzen Team gespielt und dargestellt wird. Mit welchen Sinnen sich ein übrig gebliebener afrikanischer Buschmann durch das ungewohnte Terrain bewegt. Oder wie Williiams die Stimmung in einer virtuellen Kneipe beschreibt.

Ja, es ist noch weit hin bis Otherland. Aber ich denke, das Buch lohnt sich. Lest zumindest den ersten Teil Stadt der goldenen Schatten oder hört es als Hörbuch (siehe unten). Das ist viel unterhaltsamer aber mindestens genauso inhaltsreich wie die zahllosen Texte der Trendforscher und Zukunfts-Auguren in den Redaktionen.

Ich habe aber eine schlechte Mitteilung für alle, die in die Stadt der goldenen Schatten einsteigen: Seid ihr erst mal drin, könnt ihr Second Life vergessen. Die Ruckel-Staks-3D-Community kommt gegen Tad Williams Zukunft ebenso wenig an, wie ein Grammophon gegen die PA der Stones im Münchner Olympiastadion.
So geht mir das jedenfalls ;-)

Weitere Infos:

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{ 3 comments }

Journal für Web 2.0 Dezember 13, 2006 um 9:47 pm

Wohin geht das Internet? keine Ahnung. Betrachtet man allerdings die gesetzentwürfe in letzter Zeit, in keine rosige Zukunft: Journal für Republikanismus, Web 2.0 und Demokratie

Eventuell werde ich mir das werk mal besorgen. Vielleicht habe ich ja dann die Ahnung ;-)

Sebs Januar 11, 2007 um 6:02 pm

Ja, ich habe nachdem ich die ersten 2 Bände OL gelsen hatte dann auch gleich angefangen einen eignen “Thargor-SIM” in WOW zu spielen.
Nachdem meine Begeisterung für künstliche Welten stark abgenommen hatte war T.W. wiedermal ein Antrieb sich ein bischen “rumzutreiben”.

Marsha Haus Februar 5, 2007 um 1:35 pm

Lustig – genau den selben Gedanken habe ich vor zwo Tagen auf http://www.pr-fundsachen.de veröffentlicht und wollte gerade schauen, ob ich meinen Blog-Eintrag über technorati finde.

Buch und Hörbuch sind echt fantastisch – man sieht einmal wieder, wie nahe Science Fiction und Wirklichkeit beieinander liegen. Was sich der Mensch vorstellen kann, kann er wohl auch umsetzten.

Wir sind jedenfalls auf dem Weg, wenn man sich Second Life oder Konsolen wie Nintendo Wii mal anschaut…

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