Was ist das für ein Mensch, der User da draußen? Das fragen sich nicht nur Marketing-Strategen, sondern auch die vielen Nicht-Nutzer, die in ihrer Freizeit alles tun, nur nicht vor dem Rechner sitzen.
Diese Frage wurde mir auch schon einige Male gestellt. Man scheint mir zuzutrauen, dass ich mich in der virtuellen Welt der Foren, Blogs und Social Networks auskenne. Stimmt leider nicht ganz. Jobmäßig habe ich mich vor Jahren in einem Frauennetzwerk herumgetrieben, in dem fast nur Männer waren. Dort konnte ich einige skurrile Erfahrungen sammeln. Aber dass ich jetzt blogge, hat mich ein halbes Jahr Überwindungsphase gekostet.
In seinem neuen Buch „Ruhm“ vermittelt Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) in dem Kapitel „Ein Beitrag zur Debatte“ ein schreckliches Bild vom User an sich. Ein stinkendes, schwitzendes Mamasöhnchen ohne soziale Kontakte, fett mit Stiernacken und mit einem verzweifelten Bedürfnis, der Welt zwischen den bösen Kollegen, dem fiesen Chef und der besitzergreifenden Mutter zu entfliehen. Was für eine alptraumhafte Sozialstudie, in der kein einziges Stereotyp ausgespart wird.
In dem Buch wird jeder Charakter überzeichnet, das ist Kehlmanns Stilmittel der Satire. Aber der User kommt bei weitem am schlechtesten weg. Interessant, dass die Blüten, die das Internet treibt, einen so schlechten Ruf hervorbringen. Klar hat sich jeder schon gefragt: Hat der nichts besseres zu tun, als überall seinen Senf dazuzugeben? Hat der keine Freunde, dass er sich mit wildfremden Menschen unterhalten muss? Und vermutlich hat sich schon jeder über den rüden Ton in den Forenbeiträgen gewundert. Die Anonymität, die das Internet bietet, bringt eben nicht gerade das Beste in den Menschen hervor.
Aber:
Im Netz tummeln sich natürlich nicht nur Freaks. Es ist eine neue Form der Unterhaltung und des Zeitvertreibs, Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen, die sich in der realen Welt so nicht bieten. Wer würde denn schon im Café irgendwelche Leute anquatschen, um mit ihnen über Bücher oder Filme zu reden? Wie sonst findet man Kontakt zu Gleichgesinnten, wenn man gerade die Wohnung nicht verlassen kann, weil die Kinder schlafen? Wo sonst kann man seine Gedanken einfach mal publizieren und schauen was passiert, so wie ich hier? Auf der anderen Seite: Muss wirklich jeder seinen Scheiß – Entschuldigung – veröffentlichen? Aber auf diese Art und Weise entstehen auch wahre Perlen abseits vom Journalismus-Betrieb, an denen man sonst nicht teilhaben könnte.
Man sieht: Ich bin noch lange nicht damit durch, mir eine Meinung zu den Umtrieben im Netz zu bilden. Daniel Kehlmann hat aber kräftig in den rabenschwarzen Farbtopf gelangt. Ich fand das Kapitel gruselig.