Web 2.0 vor dem Aus!

Har, har. Die Überschrift habe ich mir jetzt einfach mal gegönnt. Erst hatte ich ein Fragezeichen dahinter, dann habe ich mir überlegt, dass ein Ausrufezeichen einfach besser passt und für mehr Aufmerksamkeit sorgt.

web 2.0

Aber jetzt mal im Ernst: Zwischen dem, was ich in meinem Feedreeder und den Pressemitteilungen der Medienkonzerne lese und meiner operativen Arbeit als Web-Berater klafft eine immer größere Lücke. Vielleicht bin ich auch zu “old fashioned” - aber irgendwie sehe ich da eine kleine, finanziell gut ausgestattete Web-Entscheidergruppe auf einem ziemlich wilden Pfad in Richtung Web 2.0-Clash unterwegs.

Ein für mich unverfängliches Beispiel: Mir leuchtet die Strategie nicht ein, wenn ein Holtzbrinck ankündigt, ein Web 2.0 Wirtschaftsportal mit dem Arbeitsnamen “Humboldt” zu planen. Da hat man geniale Wirtschaftsmarken (Verlagsgruppe Handelsblatt) im Portfolio - und versucht eine neue Marke mit dem Label “Web 2.0″ aus dem Boden zu stampfen. Was soll diese Geldverbrennerei? Hat Holtzbrinck Angst, dass das “Handeslblatt” und all die anderen Marken nicht cool genug sind? Dann arbeitet an der Coolness…

Und “Humboldt” ist nur ein Beispiel von Diversifikations-Strategie eines Medienkonzerns, die ich nicht verstehe.

Doch das alleine wäre noch kein Grund, das “Aus des Web 2.0″ zu verkünden (was ich ja auch gar nicht will). Aber da sind nach der siebten Familygemeinschaft und der kommenden lifestyleorientierten Dog-Owner-Community nun auch die vielen kleinen Gründungen und Entwicklungen, die jede persönliche Niesche mit “User Generated Content” und AJAX-Visualisierung auszugießen.

  • iamnoIamNo.com löst mir z.B. das Problem, dass ich mich immer mit Namen oder Pseudonym identfiziert werde - und bisher nie als einfache Nummer gesehen wurde. Dank IamNo brauche ich nicht mehr ein Pseudonym auf mein T-Shirt zu schreiben - sondern ich kann dort zu einer sechsstelligen Nummer werden. Macht das für euch Sinn? Und sechs Stellen? An den großen Erfolg jenseits der 1 Million Nutzer glaubt dort wohl keiner. Ist aber auch kein Wunder, denn besonders schicke Nummer (wie die 311118) kosten 444 Euro. Und wofür? Ich weiß nicht so genau. Wenn ich das richtig gesehen habe, kann ich dann an andere Leute mit Nummer eine Nachricht schicken. Mmmmhhh…
  • memoloopNa ja, vielleicht kann ich mich mit dieser Nummer dann auch bei Memoloop anmelden. Dort speichere ich dann alle meine Bilder und Texte zusammen mit einem Datum und einem Ort. Und wenn jemand am gleichen Tag am gleichen Ort auch ein Erlebnis hatte, dann bekomme ich eine Mail, dass das so war. Ich muss dann nur noch alle meine YouTube-Videos und Sevenload-Bilder dort rüber holen und viele Texte nachtragen. Mmmmmhh…

Ich nenne ausgerechnet diese zwei Beispiele, weil sie in den vergangenen Tagen auf meinen Stapel “Unbedingt mal anschauen” gelandet sind. Eigentlich witzige Ideen - aber ich bin dann doch ins Grübeln gekommen.

Was ich damit sagen will: Wir stoßen so langsam in die sehr dünnen, feinmaschigen Netze vor die einen immer engeren Nutzen versprechen. Die Anmeldung bei einer Community erfolgt mittlerweile in wenigen Sekunden, täglich ein/zwei neue Anmeldungen - egal, mal schauen, was es dort gibt. Und danach habe ich wieder einen Account irgendwo mehr und bekomme in ein paar Monaten die Mail “Wir vermissen dich”. Und es scheint Leute (s.o.) zu geben, die diese Party bezahlen.

Auf der anderen Seite sehe ich, mit welchen knappen Ressourcen gute Webseiten darum kämpfen, sich ständig zu verbessern. Während die Venture-Szene mal flott auf einem neuen Server eine Community-Anwendung entwickelt und nur noch schauen muss, dass das Design ins Bild passt, quälen sich die vielen Seitenbetreiber ab, die schon viel guten Content und ein laufendes Redaktionssystem verwalten. Und die schon User haben! Sie kämpfen sich durch den ganzen Schnittstellenquark, durch ständig neue Standards und bekommt von den Webgurus (s.o.) kalt lächelnd einen Artikel in Internet-Trendmagazin gezeigt, in dem steht, dass man mit “Ruby on Rails” in drei Stunden eine komplette Webcommunity bauen kann. (”Also, das kann doch nicht so schwer sein”). Aber “Ruby on Rails” beherrscht halt niemand - nicht mal der Server.

Lasse ich gerade Frust ab? Eigentlich nein. Das ist normales Projektgeschäft. Ich denke aber, dass sich die Stimmung gerade überschlägt. Das wäre auch nicht schlimm - denn ein Pendel geht ja immer hin und her. Und mir ist es lieber, wenn die Investoren und Medienhäuser gerade aufs Internet setzen als nicht. Ein bisschen Hype ist immer gut. Und im Unterschied zu den Jahren 1999 und 2000 sind derzeit viele wirklich erfahrene Webarbeiter mit gut geprüften Busienssmodellen unterwegs - so, dass ich gar nicht von einer platzenden Blase sprechen will. Das Thema Internet ist “save”, denke ich.

Ich würde aber sagen, dass das Thema “Web 2.0″ aus Investorensicht angezählt ist. Meiner Ansicht geht es in diesem Bereich nun darum, zu konsolidieren und zusammen zu fassen. Die Medienhäuser sollten meiner Meinung nicht noch mehr Communities basteln sondern schauen, wie die bestehenden sinnvoll vernetzt werden. Google arbeitet daran schon eine ganze Weile und verbindet seine Dienste wie Mail, Docs, Notebook zu verwaltbaren Paketen. Der Holtzbrinck-Verlag (um beim Beispiel oben zu bleiben, es gibt auch noch andere) sollte nicht noch eine weitere Community neben die bestehenden stellen, sondern die diese zu einem übergreifenden Mediendienst zusammen fassen.

Jau, das wollte ich mal sagen. Seht ihr das genauso?

  1. 2 Responses to “Web 2.0 vor dem Aus!”

  2. By SEOnaut on Aug 17, 2007

    Web 2.0 ist mit Sicherheit eine Blase. Aber ich glaube schon, dass sich gute Web 2.0 Projekte durchsetzen werden. Das war schon bei 1.0 so.

  3. By eric kubitz on Aug 17, 2007

    Hallo SEOnaut! Ich warte schon auf die nächste Sendung von dir. Morgen fahre ich in Urlaub - und hätte ich gerne was für den iPod ;-)

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