Merkel an die Journalisten: “Strengen Sie sich an!”

by Eric Kubitz on Juni 30, 2009

in Sinnvolles Handeln

Angela Merkel hat gestern auf der 60. Geburtstagsparty der Deutschen Journalisten Schule eine gute, eine sehr gute Figur gemacht. Dabei hat sie die 1000 geladenen Gästen zu einer Aufgabe verdonnert, die diese nur zögernd erledigen. Nämlich “die Orientierung in einer Welt der unendlichen Möglichkeiten zu bieten”.  Und zwar durch Erleben und nicht nur durch Betrachten…

Verblüffend, was alles aus den Absolventen der DJS geworden ist: Spiegel-Redakteure, Brigitte-Chefredakteurinnen, der eine wurde Günter Jauch, ein anderer Pilot und auf der Bühne stand sogar ein Musiker mit DJS-Abschluss. Von einem Webunternehmer oder gar einem Google-Optimierer war keine Rede. Vielleicht gehören die zu den 20 Prozent der Absolventen, die schlicht verschwunden sind. Oder es sind welche, über die man nicht so gerne spricht…

Ich selber hatte mich vor etwa 25 Jahren auf der DJS beworben und wurde gleich in der ersten Runde ausgesiebt.  Journalist wurde ich trotzdem und dann auch noch Google-Optimierer. In dieser Funktion durfte ich in der vergangenen Woche eine DJS-Klasse mit ein paar Stunden SEO-Einführung quälen – und war begeistert über den klugen Journalistennachwuchs dort. Wir können froh sein, dass es eine solche Ausbildung gibt!

Doch die Schule selbst könnte sich in Sachen “Internet” noch ein wenig anstrengen, da bin ich unverhofft gleicher Meinung mit unserer Bundeskanzlerin. Immerhin: Die DJS-Webseite, habe ich heute morgen festgestellt, wurde gerelauncht. Ich nehme an, unter großem Zeitdruck, denn technisch kann das so eigentlich nicht bleiben. Aber da kann man noch nacharbeiten – aber das ist vielleicht gar nicht so wichtig. In jedem Fall empfehle ich den Film auf der Seite, der ist sensationell.

Was mich allerdings verblüfft hat: Ein von Jazz-Musik, Laudatien (das ist die Mehrzahl von Laudatio) und Preisübergaben angefüllter Nachmittag entwickelte sich entspannt und freundlich – ohne das für Journalisten derzeit vermutlich bestimmendste Thema “Internet”. Ach ja, da war der Kultur-Staatssekretär Schneider, der für Horst Seehofer (musste leider kneifen) einsprang. Der warnte ein wenig davor: “Das Internet ist voll von ungeprüften Informationen.” Er mahnte mit eher allgemeinen Standardsätzen so etwas wie “Medienkompetenz” als wahrhaft wichtigen Auftrag auch für Journalisten an und empfahl seinen “Medienführerschein”, der das gesamte Auditorium zum Glucksen brachte. Hilfreich war das nicht.

Anders die Frau Kanzler. Nach einer Bemerkung, die man auch so verstehen könnte, dass das Internet an der Wirtschaftskrise Schuld sei (leichtes Nicken im Zuschauerraum), klärte sie zunächst auf. Nämlich die Zuhörer über ihren Auftrag, den sie in Zeiten von Bloggern und Leserreportern haben: “Kommentierung und Richtungsgebung.” Die Qualität von Informationen wird gerade in einer Zeit wichtig, in der von Bloggern alles schon mal geschrieben wurde. Hier braucht es kluge Köpfe die das sortieren, bewerten und aufbereiten. Die Informationswelt ist unübersichtlich geworden – und Journalisten sind “Durchblickshelfer”, wie es am Ende Dietrich Schwarzkopf, ehemaliger Vorsitzender des Vorstandes der DJS zusammenfasste.

Angela Merkel jedenfalls war es deutlich anzumerken, dass ihr als “News-Junkie” der ständige Informationsfluss, den uns Internet und andere neue Medien bringen, auch Spaß macht. Gut, es gibt aus politischer Sicht einige Nachteile, wie sie augenzwinkernd erzählte. Während man sich früher in Berlin die Süddeutsche des nächsten Tages kaufen und die darin enthaltenden “ungünstigen” Meldungen via Interview mit der “Welt” (extrem später Andruck!) relativieren konnte, ist heute alles ständig in Bewegung, da funktioniert das nicht mehr. “Die Welt ist durch den rollenden Informationsfluss kompliziert geworden”, meinte sie. Heute müssen Internet, Privates, öffentlich-rechtlicher Journalismus und nicht-öffentlich-rechtlicher Journalismus untereinander verbunden werden. Das ist nicht leicht.

Da reicht es nicht, nach dem Staat zu rufen. Sie wünscht sich, dass Eltern selber versuchen, mit den Fähigkeiten ihrer Kinder mitzuhalten. “Das hält jung und löst ganz nebenbei das Thema des lebenslangen Lernens,” lächelte sie. Und wir müssen schauen, wie wir die Freude am Lesen erhalten können. “Ich bin mir aber nicht sicher, ob uns das gelingt”, befürchtet die Kanzlerin.

Wie auch immer: Journalisten haben in einer Welt der unendlichen Möglichkeiten die Aufgabe, Orientierung zu bieten. Das bedeutet für die Lehrpläne, dass Menschen nicht nur zu Betrachtern gemacht werden – sondern dass im Leben durch eigenes Erleben gelernt wird. “Meinungsbildung durch Mitmachen” ist der Kanzler-Vorschlag dafür.

Und das Fazit für die Journalisten? “Man muss sich mit den grandiosen Entwicklungen auseinandersetzen … Strengen Sie sich an!” Großartig!

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