Um die Sache, nicht die Position verhandeln!

November 14, 2006

Nach einer langen und zähen Verhandlung, die geprägt war von unglücklichen Rahmenbedingungen und massiven Zeitverzögerungen, konnte ich nun endlich einen ziemlich umfangreichen Deal abschließen. Und ich habe während der vergangenen Monate immer wieder dankbar an ein im Grunde altes aber sehr wirkungsvolles Verhandlungskonzept gedacht und (erfolgreich) versucht, selbst die festgefahrensten Situationen damit zu bewältigen.

Ich kann euch hier nicht das ganze Harvard Konzept, den Klassiker der Verhandlungstechnik, erklären. Aber ich kann es kurz skizzieren. Und ich rate allen, die ab und zu verhandeln müssen, zumindest mal das Buch oder das Hörbuch durchzuarbeiten.

Verhandeln nach dem Harvard Konzept

Worum es geht: Um Gehaltserhöhungen, die geplante Urlaubsreise oder den Verkauf einer ganzen Firma. Im Grunde hat jeder mal das eine oder andere zu verhandeln. Roger Fisher, William Ury und Bruce Patton haben für all diese Situationen eine eigene Verhandlungstechnik entwickelt. Das Harvard Konzept. In diesem geht es nicht darum, den anderen von der eigenen Position zu überzeugen – sondern um ein sachbezogenes Verhandeln. Es geht darum, sich um die zu verhandelnde Sache und nicht um eine unverrückbare Meinung oder gar um Eitelkeiten zu streiten.

Die vier Eckpfeiler hierfür sind:

  • Trenne Mensch und Sachprobleme.
  • Erkenne die wechselseitigen Interessen.
  • Entwickle die Entscheidungsmöglichkeiten zum Vorteil für beide.
  • Verwende neutrale Beurteilungskriterien.

Dadurch wird die Verhandlung sachbezogen – und nicht zu einem Feilschen um Positionen. Allerdings benötigt das auch eine gründliche Vorbereitung der Verhandlung und eine möglichst emotioinsfreie Sicht der Dinge.

In der Vorbereitungsphase sollte man sich ausführlich um einige Punkte kümmern. So ist es sinnvoll, die Situation des Verhandlungsgegners verstehen zu lernen, zu verstehen was als Nutzen für ihn heraus springen kann. Außerdem sollte einem selber klar sein, was eigentlich die eigene “Beste Alternative” zum Durchsetzen des optimalen Verhandlungsergebnis ist. Auf diese Weise wird schnell klar, wie weit man gehen möchte bzw. wann es sich nicht mehr lohnt, weiter zu reden.

Hier der (etwas theoretische) Ablauf von Konflikten

  1. Kontakt: Eine Beziehung wird hergestellt
  2. Information: Beide Seiten erlangen Klarheit über die Interessen und Positionen.
  3. Anhörung: Es wird eine vertraunsvolle Diskussionsgrundlage geschaffen.
  4. Sondierung: Es werden Lösungsoptionen entwickelt.
  5. Annäherung: Man wählt gemeinsam eine Option aus.

Ganz wichtig hierbei ist es, einen gemeinsamen Nutzen der möglichen Lösungen in den Vordergrund zu stellen. Also: “Wenn wir uns auf diesen Vertragspassus einigen, sparen wir beide viel Zeit und Geld”. Das geht natürlich nicht bei Nullsummenspielen (z.B. bei der Aufteilung eines Stück Torte) – aber diese Verhandlungen sind vermutlich ohnehin die Ausnahme. In jedem Fall ist es sehr wichtig, sich gemeinsam auf neutrale bzw. objektive Beurteilungskriterien zu einigen. Das geht meistens einfacher, wenn man noch keine Lösungsoptionen auf dem Tisch hat…

Die Autoren des Konzeptes empfehlen darüber hinaus, sich in die Lage der anderen zu versetzen. Denn wer nur den eigenen Vorteil im Auge hat, wird auf Dauer nicht erfolgreich sein. Klar: Denn wenn man “weich im Umgang aber hart in der Sache” ist und den Verhandlungsgegner als Partner behandelt, dann erhält man nicht nur ein für beide optimales Verhandlungsergebnis – sondern vermutlich auch einen vertrauensvollen Geschäftspartner für die Zukunft.

Amazon-Link zum Buch: Das Harvard – Konzept. Klassiker der Verhandlungstechnik

Amazon-Link zum Hörbuch: Das Harvard-Konzept. 2 CDs. . Sachgerecht verhandeln – erfolgreich verhandeln

(Foto: www.photocase.de, goenz)

Könnte passen:

  1. In eigener Sache: kubitz.net bei turi2

Eric Kubitz ist auch auf Google+ und Twitter Twitter.

  • Volker Remy

    “In jedem Fall ist es sehr wichtig, sich gemeinsam auf neutrale bzw. objektive Beurteilungskriterien zu einigen. Das geht meistens einfacher, wenn man noch keine Lösungsoptionen auf dem Tisch hat…”

    Das ist sehr, sehr theoretisch, klingt äußerst vernünftig, widerspricht meinen Erfahrungen in der Praxis jedoch diametral. Die meisten Präsentationen um Aufträge beispielsweise scheitern in Deutschland daran, dass die präsentierende Seite eben KEINE Lösungsvorschläge unterbreitet, über die dann im Nachhinein diskutiert werden soll. Es ist den hiesigen Gepflogenheiten eher fremd, zuerst die Beurteilungskriterien festzulegen. Dafür diskutiert man hierzulande viel zu gern.

    Volker Remy
    Autor
    “Wie man Aufträge angelt und mit Fischen spricht”

  • Volker Remy

    “In jedem Fall ist es sehr wichtig, sich gemeinsam auf neutrale bzw. objektive Beurteilungskriterien zu einigen. Das geht meistens einfacher, wenn man noch keine Lösungsoptionen auf dem Tisch hat…”

    Das ist sehr, sehr theoretisch, klingt äußerst vernünftig, widerspricht meinen Erfahrungen in der Praxis jedoch diametral. Die meisten Präsentationen um Aufträge beispielsweise scheitern in Deutschland daran, dass die präsentierende Seite eben KEINE Lösungsvorschläge unterbreitet, über die dann im Nachhinein diskutiert werden soll. Es ist den hiesigen Gepflogenheiten eher fremd, zuerst die Beurteilungskriterien festzulegen. Dafür diskutiert man hierzulande viel zu gern.

    Volker Remy
    Autor
    “Wie man Aufträge angelt und mit Fischen spricht”

  • http://www.kubitz.net eric108

    Schon wahr: Es ist in der Praxis nicht üblich, erst über den Prozess und dann über den Inhalt zu sprechen. Und, auch wahr: Dadurch gerät man hierzulande immer wieder in ein fröhliches Diskutieren ohne Ziel und Wert.
    Ich finde aber nicht, dass sich meine Aussage mit deiner Erfahrung beißt: Natürlich sollten Agenturen einen Lösungsvorschlag auf dem Tisch haben wenn sie präsentieren. Ja, das kostet Zeit und Mühe (die der Kunde vermutlich nicht bezahlt) – aber es lohnt sich, weil beide Seiten dadurch sicherer werden. Da bin ich absolut einig.
    Mehr noch: Genau das meine ich sogar. Denn ein Lösungsvorschlag ist im Grunde ein “Beurteilungskriterium” für die Verhandlung der eigentlichen Sache in der Verhandlung. Neben Produkt (Lösungsvorschlag) gehören vermutlich meist noch Geld, Zeit und Qualität dazu. Aber wenn beide Seiten das Produkt kennen – wird das von Vorteil sein. Auf diese Weise können beide Seiten ohne Larifari über den Preis, die Projektlaufzeit und das Ergebnis zu verhandeln.
    Ich glaube also, dass wir uns da einig sind. Oder habe ich dich völlig falsch verstanden?

  • http://www.kubitz.net eric kubitz

    Schon wahr: Es ist in der Praxis nicht üblich, erst über den Prozess und dann über den Inhalt zu sprechen. Und, auch wahr: Dadurch gerät man hierzulande immer wieder in ein fröhliches Diskutieren ohne Ziel und Wert.
    Ich finde aber nicht, dass sich meine Aussage mit deiner Erfahrung beißt: Natürlich sollten Agenturen einen Lösungsvorschlag auf dem Tisch haben wenn sie präsentieren. Ja, das kostet Zeit und Mühe (die der Kunde vermutlich nicht bezahlt) – aber es lohnt sich, weil beide Seiten dadurch sicherer werden. Da bin ich absolut einig.
    Mehr noch: Genau das meine ich sogar. Denn ein Lösungsvorschlag ist im Grunde ein “Beurteilungskriterium” für die Verhandlung der eigentlichen Sache in der Verhandlung. Neben Produkt (Lösungsvorschlag) gehören vermutlich meist noch Geld, Zeit und Qualität dazu. Aber wenn beide Seiten das Produkt kennen – wird das von Vorteil sein. Auf diese Weise können beide Seiten ohne Larifari über den Preis, die Projektlaufzeit und das Ergebnis zu verhandeln.
    Ich glaube also, dass wir uns da einig sind. Oder habe ich dich völlig falsch verstanden?

  • Volker Remy

    “Denn ein Lösungsvorschlag ist im Grunde ein “Beurteilungskriterium” für die Verhandlung der eigentlichen Sache in der Verhandlung. Neben Produkt (Lösungsvorschlag) gehören vermutlich meist noch Geld, Zeit und Qualität dazu.”

    Da stimmen wir überein. Ich fühlte mich zu meinem Kommentar weniger aus Widerspruch als vielmehr aus Ärger darüber herausgefordert, dass diese vernünftige Vorgehensweise ganz offensichtlich wenige Anhänger in den Entscheideretagen zählt. Was gerade für Dienstleister, die um Aufträge werben, sehr deprimierend sein kann.

    Beste Grüße

    Volker Remy

  • Volker Remy

    “Denn ein Lösungsvorschlag ist im Grunde ein “Beurteilungskriterium” für die Verhandlung der eigentlichen Sache in der Verhandlung. Neben Produkt (Lösungsvorschlag) gehören vermutlich meist noch Geld, Zeit und Qualität dazu.”

    Da stimmen wir überein. Ich fühlte mich zu meinem Kommentar weniger aus Widerspruch als vielmehr aus Ärger darüber herausgefordert, dass diese vernünftige Vorgehensweise ganz offensichtlich wenige Anhänger in den Entscheideretagen zählt. Was gerade für Dienstleister, die um Aufträge werben, sehr deprimierend sein kann.

    Beste Grüße

    Volker Remy

  • http://www.btsplus.eu/ Günther R. Neukamp

    Liebe “Kubiz.net”,

    Für mich gehört Verhandeln nach dem Havard Konzept zum Handwerkszeug jedes Verhandlers.

    Ja es ist nach wie vor aktuell – aber…

    Auf der anderen Seite zeigen sich heute immer mehr Bereiche wo der partnerschaftliche Anasatz (win-win Situation) zwar vordergründig verwendet wird – tatsächlich spielt aber Strategie und Taktik eine entscheidende Rolle:

    Zahlreiche Komplexe Verhandlungen werden ausschliesslich mit dem Ziel “zu gewinnen” geführt:

    Merging & Acquisition, Tender bei Privatisierungen oder Ausschreibungen, Verhandlung von einmaligen großen Rohstofflieferungen, Immobilientransaktionen…

    Am Ende des Tages bestimmen Strategie und Taktik die Verhandlung.

    Win-Win Situationen werden vordergründig angestrebt, tatsächlich legt niemand seine Karten wirklich offen.

    Komplexe Lagebilder erfordern umfangreiche Corporate Intelligence Aktivitäten (Netzwerkanalysen, Kontextanalysen, Enscheidungsstrukturanalysen, Mitbewerbsanalysen).

    Wenn man sich dann noch in interessanten Märkten in der CEE oder GUS Region oder China bewegt kommen hier noch zahlreiche Facetten dazu.

    Vergessen wir in diesem Zusammenhang auch die zahlreichen failing states dieser Erde die nach ganz einfachen Prinzipien funtionieren…

    Interkulturelle Aspekte werden im Havard Konzept auch nicht ausreichend behandelt.

    Es würde mich sehr freuen wenn jemand diesen Aspekten – in Zusammenhang mit dem Havard Konzept – die entsprechende Aufmerksamkeit widmen würde.

    Beste Grüße aus Wien

    Günther R. Neukamp (BTSplus Management Services GmbH)

  • http://www.ticketpoint.de/ Flüge

    Das Harvard-Konzept finde ich sehr gelungen. Man kann es in verschiedenen Bereichen anwenden. Ich denke sehr oft im privaten Bereich an die vier Grundregeln und versuche sie dann anzuwenden. Aber auch im beruflichen Alltag kann man sehr gut nach dem Harvard-Konzept verhandeln.

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