Das Wissen der Masse

Wissen Team IntelligenzEs gibt eine “Intelligenz der Masse”, das steht fest. Als 1968 die USS Scorpion auf dem Grund des Atlantiks verschwand, stocherten die Bergungsschiffe zunächst erfolglos in einem riesigen Seegebiet. Den Durchbruch brachte der Aufruf an viele Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen, augrund der spärlich vorliegenden Informationen einen Tipp über den Verbleib des Bootes abzugeben. Der Mittelwert der abgegebenen Ergebnisse lag nur 200 Meter naben der Stelle, wo das U-Boot gefunden wurde. Zauberei?

Ich beziehe mich hier auf einen super-guten Artikel des Heftes “Wissen” der Süddeutschen Zeitung. Darin finden sich nicht nur schöne Beispiele für diese Intelligenz der Masse - sondern auch die Hintergründe. Aber erst noch ein schöner Fall: Als 1986 die Raumfähre Challenger verunglückte, gab es zunächst nur spärliche Informationen. Trotzdem strafte die Börse (und damit die Menschen dahinter) schon nach wenigen Stunden den Aktienwert der Firma Morton Thiokol, Hersteller der Trägerrakete, ab. Die Aktien der anderen am Challenger-Projekt beteiligten Unternehmen blieben nahezu stabil. Erst sechs Monate nach dem Unglück bestätigte eine Kommission, das von Thiokol stammende Dichtungsringe die Unglücksursache seien.

Hey, die Aktien-Händler wurden von einer mysthischen, kollektiven Vorahnung erfasst! Oder? Vermutlich nicht, man kann das auch anders erklären: Ein Aktienkurs ist die gemittelte Schätzung der Marktteilnehmer. Mit einer großen Grundmenge, bei hoher Heterogenität der Gruppe und - dank der Dollars dahinter - mit einer hohen Aufmerksamkeit der beteiligten Personen. Sind diese Faktoren gegeben, können selbst bei einer lausigen Informations-Lage offensichtlich gute Voraussagen gemacht werden. In dem U-Boot-Beispiel von oben, lag der Mittelwert sogar präsziser als der beste Einzeltipp.

Hier also die executive Summary, wie man das “Wissen der Masse” anzapft:

  • Wir brauchen einen Haufen Menschen.
  • Die Gruppe muss möglichst heterogen aufgebaut sein um das “Group-Thinking-Problem” zu umgehen, bei dem ähnliches Wissen auf gleich Weise verarbeitet wird.
  • Die Teilnehmer müssen sich unabhängig entscheiden können. Hat der Chef (oder andere “gut kommunizierende Mit-Teilnehmer) soeben seine Meinung geäußert und kräuselt bei jeder anderen Interpretation die Stirn, werden die Ergebnisse nicht sonderlich gut sein.
  • Die Frage sollte relevant für die Teilnehmer sein. Schließlich geht es nicht darum, dass jeder einfach mal so seine Meinung sagt, sondern um das “Wissen” der Teilnehmer. Und dazu muss nachgedacht werden (z.B. weil es um Geld geht).

Stimmen diese Rahmenbedingungen, kann man tatsächlich davon ausgehen, dass diese Gruppe (oder das Team, der Markt, die Teilnehmer) nahezu prophetische Weisheiten verkündet.

Liest sich alles ganz plausibel und einfach. Ist es aber nicht. Denken Sie doch beim nächsten Brainstorming oder im nächsten Team-Meeting mal dürber nach…

  1. 2 Responses to “Das Wissen der Masse”

  2. By Nicolas Kübler on Jan 16, 2006

    Genau dieses Wissen kann auch in der Aufwandsschätzung (Expertenschätzung) genutzt werden, womit sich gerade bei XP der Kreis wieder schließt :)

  3. By eric42 on Jan 16, 2006

    Herrlich! Vielen Dank fürs Mit-Denken!!!

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