Dank dem neuen Schutzpatron der Projektleiter: Klinsi

Wenn die Süddeutschen Zeitung eine Norm wörtlich zitiert, dann muss das einen wirklich guten Grund haben. Heute habe ich die uns bekannte DIN-Norm 69901 mit Interesse am Sport-Teil nachlesen können: Ein Projekt sei ein “…Vorhaben, das im wesentlichen durch Einmaligkeit der Bedingungen…” u.s.w..

Wie komm’s? Klar: Zu seinem Start vor zwei Jahren hat Jürgen Klinsman seine Tätigkeit für die Nationalelf als Projekt bezeichnet - und die WM 2006 war das kommunizierte Projektende. Und genau das hat er konsequent durchgezogen, inklusive der Abwicklung.

Am Ende hat er jetzt auch den Projektabschluss klar gemacht: Die Jungs werden noch mal zusammen ein Bier trinken gehen, die Projektanalyse übernimmt eh schon die Öffentlichkeit und der neue Bundestrainer heißt Jogi Löw. Das hätte vor einem halben Jahr niemand für möglich gehalten - aber dank eines sauberen Projektmanagements hat Jürgen sogar das geschafft: Alle von ihm engagierten Team-Mitglieder von Löw über Bierhof, Köpke und sogar die amerikanischen Fitnesstrainer bleiben in Lohn und Brot. Allein der Projektleiter (der ja laut unserem Verständnis eh nicht wirklich zum Team gehört) wird gehen.
Klinsmann hat an all das gedacht, was wir bei Projekten nicht vergessen sollten: Er hat in einer damals ziemlich unübersichtlichen Situation für uns Deutsche ein klares Ziel formuliert (”Wir werden Weltmeister bei der WM 2006″) hat die vorhandenen Ressourcen (”alles materielle - aber leider keine Fußballmannschaft”) genutzt, hat die Umsetzung begleitet und zum Ziel geführt. Und er hat dafür gesorgt, dass das Team auch nach Ende des Projektes weiter machen kann.

Besonders gelungen finde ich seine Art der Zielerfüllung. In vielen Projekten werden die Ziele zwar erreicht, aber die Auftraggeber maulen trotzdem und sind unzufrieden, weil sie sich das so eigentlich nicht vorgestellt haben. Und Klinsmann hat sein Projektziel auf dem Rasen eigentlich gar nicht erreicht. Aber Deutschland feiert und fühlt sich als Weltmeister - und ist hoch zufrieden. Zeigt mir den Projektleiter, der da nicht neidisch wird.

Wie hat Klinsmann das geschafft? Keine Ahung, ich war ja nicht dabei. Aber von außen betrachtet, hat er offensichtlich einfach einige Regeln des Projektmanagements sehr konsequent verfolgt. Zum Beispiel hat er sich das Ziel zueigen gemacht. Er hat NICHT gesagt “Uuuuh, mmmmh, Weltmeister, das ist ganz schön schwer. Schauen wir mal, ob das geht. Aber Viertelfinale wäre ja auch klasse.” Er hat gesagt “Klar, wir werden Weltmeister!”. Und er hat die Verantwortung dafür nicht nur übernommen - sondern hat sie auch gelebt. Er hat die Leute geholt, die er wollte. Er das Hotel bezogen, dass er für richtig hielt. Er seinen Reisekostenetat Richtung Kalifornien trotz aller Kritik ausgeschöpft.
Das alles hat alles wenig mit einem sturen Kopf zu tun, sondern mit der Verantwortung, die ein Projekleiter übernimmt. Tut er das mit ganzem Herzen - so MUSS er die Dinge durchziehen, die er für richtig hält. Er will ja nachher nicht sagen “Hätte ich meine amerikanischen Fitnesstrainer bekommen, hätten wir die Verlängerung gegen Argentinien durchgehalten.” Nein, er ist Projektleiter und Ausreden sind nachher nicht zulässig. Wenn er das Ziel nicht erreicht, muss er sich ins Schwert stürzen (übertragen gemeint natürlich…) So ist das nun mal.

Also gut - der Artikel wird eh schon zu lang. Ich denke, wir werden nun viele Bücher erscheinen sehen mit Titeln wie “Team Klinsmann - so formen Sie eine perfekte Truppe” oder “Der eigene Kopf - Projektmangement nach der Klinsmann-Methode” (und natürlich einige Fitness-Ratgeber). Darauf freue ich mich schon. Aber ich freue mich jetzt schon, dass sich das Fußballvolk mit der DIN-69901 auseinander setzt. Wenn man in Zukunft eine Zieldefinition anhand der WM 2006 beschreiben kann, macht das in manchen Projekten sicherlich meine Arbeit leichter. Deshalb: Danke, Klinsi. Â

  1. One Response to “Dank dem neuen Schutzpatron der Projektleiter: Klinsi”

  2. By Nicolas Kübler on Jul 13, 2006

    Nun die Frage ist doch, wo Bierhoff bleibt. Bin zwar kein begeisteter Fan und kenn mich nicht so gut aus, aber ist er nicht der Team Manager und trägt deswegen auch sicherlich einige der Tätigkeiten bei, die wahrscheinlich in der Öffentlichkeit meistens Klinsmann zugesprochen werden?

    Dass er trotzdem nach Hause immer wieder flog, spricht wohl eher für seine souveräne Perösnlichkeit, mal sehen wie Löw da auftritt, da er bisher hinter Klinsmann immer aufzufinden war, auch wenn er von jenem als gleichberechtigter Partner bezeichnet wurde.

    Als Außenseiter muss ich sagen, dass Klinsmann seinen Marktwert erheblich gesteigert hat, ähnlich wie viele Spieler, aber der Rest des “Management” war eher im Hintergrund. Sehe ich da was falsch?

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