In der vergangenen Woche hat die Matrix um uns herum einige Rückschläge hinnehmen müssen. Ja, mir scheint, dass die Wetware (also die hauptsächlich mit Wasser gefüllten Hautsäcke mit den zwei Ohren und dem wachen Blick vor den Bildschirmen) ein wenig gegen Soft- und Hardware gewonnen hat. Das ist nur so ein Gefühl. Und der stärkste Verbündete im Kampf um den “Faktor Mensch” im Internet ist derzeit – offensichtlich – Google.
Ich veruche mal zu erklären, was ich damit meine und warum mich dieses Thema an eine alte Studienliebe erinnert.
Wie komme ich überhaupt auf dieses Thema?
- Mindestens zwei unserer Kunden arbeiten gerade an Crawlern, um möglichst automatisiert und massenhaft Informationen von anderen Webseiten zu generieren. Ich würde jetzt gerne sagen, dass diese beiden Kunden No-Quality-Seiten betreiben, aber das wäre gelogen.
- Von mindestens zwei anderen Kunden habe ich in dieser Woche gehört, dass sie ihre Anstrengungen, Inhalte automatisiert zu generieren, eingestellt haben.
- Schon seit Wochen nimmt Google viele Seiten mit extrem viel automatisiert generiertem Content aus dem Index (siehe Bilder unten). Und die Ironie dabei: Man kann sich hierbei fast sicher sein, dass dies durch den Knopfdruck von Wetware und nicht durch eine Entscheidung eines Sofware-Algorithmus erfolgt.
- Google hat “Metaweb” gekauft. Das ist eine Firma, die semantische Nähe zwischen “Dingen” herstellen möchte – und darauf unter anderem auch auf den Einsatz von echten Menschen zum Veredeln der Inhalte setzt.
Ein großer Text-Automat von Google abgestraft...
Mister Wong: kein eigener Inhalt, kein Ranking mehr bei Google...
Ich könnte so weiter machen: Die Menge der Ereignisse, bei denen auf der einen Seite eine möglichst hohe Automatisierung von allem und menschliches Steuern auf der anderen Steite steht, ist nur durch unsere geringe Aufnahmekapazität limitiert. Den in der Webseitenbetreiber-Industrie tobt derzeit der Krieg um den Longtail. Und den kann eigentlich nur gewinnen, wer mit möglichst geringen Kosten möglichst viele Seiten zu noch so exotischen Suchbegriff-Kombinationen herstellt. Und weil Maschinen halt einfach billiger als Menschen sind, möchten viele Publisher möglichst viele maschinengenerierte Seiten für den Longtail produzieren.
Ist also Automatisierung von Inhalte der Köngisweg im Web?
Dazu eine kleine Geschichte: In meinem Studium saß ich in einem großen Vorlesungssaal auf der einen Seite und hatte immer wieder das Gefühl, dass mich von der anderen Seite häufig zwei schöne Augen anblickten. Doch die dunkelhaarige Mit-Studentin konnte auf diese große Entfernung nicht zweifelsfrei identifizieren und war mir nicht sicher, wen ich in der Pause ansprechen sollte.
Aha: Ich konnte sie also nicht einmal erkennen – woran sollte ich also die exakte Richtung ihres Blicks sehen? Dazu reichte die Auflösung meiner Retina offenbar nicht aus. Aber ich spürte ihren Blick…
Und tatsächlich: Einige Wochen später waren wir tatsächlich (leider sehr kurz nur) ein Paar und sie bestätigte mir diesen ominösen Blickkontakt.
Kennt ihr nicht auch dieses Gefühl, dass jemand einem in die Augen blickt – obwohl das physikalisch gar nicht zu erkennen ist? Schon, oder? Man fühlt sich irgendwie berührt, könnte aber nicht genau sagen, warum.
Und genau dieser Faktor scheint auch bei anderen Kommunikationsformen gut zu funktionieren. Siehe auch den Turing Test, bei dem man Computer darauf testet, ob sie menschliches Verhalten simulieren können. Momentan ist der Spitzenwert aus dem Jahr 2008, da schaffte es das beste Programm, 25 Prozent der menschlichen Versuchsteilnehmer zu täuschen. Das ist schon ganz ordentlich… Trotzdem können wir wohl festhalten: Menschen können ganz gut zwischen Automaten und Menschen unterhalten.
Nun, was hat das mit Webseiten zu tun?
Auch sie sind eine Form der Kommunikation zwischen Publisher und Leser. Wer sich den automatisiert gecrawlten Schwachsinn Longtail-Teil (siehe Kommentare unten) von Personensuchmaschinen wie Yasni oder 123people anschaut, spürt doch gleich das Fehlen einer Seele. Das ist für diese Seiten nicht besonders schlimm, denn es gibt offenbar genug Idioten, die vor lauter Verzweiflung über die unterirdische Qualität Unpersönlichkeit der Inhalte schnell auf eine Werbung klicken um zu flüchten. Aber, ganz ehrlich, nur unter uns: Willst du mit deiner Webseite dahin, wo Yasni & Co schon sind?
Aber die erfolgreichsten Longtail-Webseiten sind doch automatisiert, das geht doch nicht anders!
Das stimmt nicht. Was sind denn die erfolgreich, automatisierten Webseiten? Yasni? Bitte, nein! Aber etwa auf Google News darf man ja verweisen. Hier wird tatsächlich ganz automatisierte die Nachrichtenwelt abgebildet. Das funktioniert gut, so gut, dass alle Nachrichtenmagazine alles dafür tun, um dort aufgelistet zu sein. Und trotzdem: Die Reichweite von “Google News” als News-Aggregator-Seite, weiß man, ist nicht besonders hoch, nur ein Buchteil von Focus Online oder sueddeutsche.de. In meinem Seminaren frage ich alle Teilnehmer immer nach der wichtigsten Nachrichtenwebseite – und Google News wurde noch nie genannt.

Die Macht des News-Aggregators strahlt von den “normalen” Suchergebnissen aus, wenn in diesen die News-Onebox eingeblendet wird, sehen das die User. Die Seite http://news.google.de besuchen nur wenige. Denn wer aktuelle Nachrichten lesen möchte, wünscht sich eine redaktionelle, also menschliche Zusammenstellung.
Also weiter: Wer automatisiert erfolgreich?
Wenn man sich mal die top-sichtbaren Seiten im Google-Index anschaut (im Bild rechts die Top-20 des Sistrix Sichtbarkeits-Index), dann findet man dort reichlich wenig Automatisierung. Idealo vielleicht, gutefrage und ciao auch, preisroboter natürlich! Doch Wikipedia, Amazon, Ebay, YouTube, Holidaycheck und natürlich die großen Publisher wie Chip, Focus, Spiegel, Welt und Bild: Content, bei dem man sich von Menschen berührt fühlt. In der ersten Gruppe kümmern sich viele Menschen um viele Longtail-Inhalte, in der zweiten Gruppe sind es Redaktionen, die schalten und walten.
Ich weiß zufällig von einigen Automatisierungs-Projekten einiger dieser Seiten – aber keines war wirklich erfolgreich. Jedenfalls bislang nicht.
Dann ist vielleicht Demand Media die erfolgreiche Form des automatisierten Publishing? Jedenfalls zittert die Verlagswelt vor diesem amerikanischen Modell, bei dem die Anzahl der Suchanfragen nach Keywords zu einer automatisierten Bestellung und Veröffentlichung von schnell erstelltem Content führt.
Nun, man kann in diesem Zusammenhang natürlich über Qualität und Nicht-Qualität streiten. Aber automatisiert sind hier eigentlich nur die Prozesse. Denn von Demand Media werden eben NICHT irgendwelche Themen veröffentlich sondern genau die Themen, die von MENSCHEN bei Google nachgefragt werden. Das ist der menschliche Faktor dort, und natürlich die Schreiber. Wobei man sich natürlich schon fragen muss, von was Autoren leben, die für 11 Dollar pro Text arbeiten….
Zur Sache also: Was heißt das alles?
Vielleicht nicht viel. Aber ich verspüre Genugtuung, wenn ich darüber nachdenke, dass – genauer betrachtet – der Erfolg im Internet dann doch noch von Menschen gemacht wird und nicht von Maschinen. Und wenn ich Investor wäre, würde ich derzeit einem Crawling-Projekt nicht allzu viel Finanzierungs-Budget versprechen…
Einen schönen Sonntag noch!
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{ 10 comments }
Word!
Word? Was meinste denn jetzt damit?
Word!
@eric108: Sieh es als volle Zustimmung an
Da fällt mir noch was zum Turing Test ein. Habe mir das gerade auf Wiki nachgelesen.
Und zwar hat sich in einem IRC Channel vor nicht allzulanger Zeit eine junge Dame knapp 45 Minuten mit einem Bot privat unterhalten. Der Owner des Bots hat die Chatlogs dann veröffentlicht. Sehr amüsant. Vor allem, weil das ein eher schlechter Bot war, der dann doch recht häufig die selben Phrasen verwendete. Aber wenn man einen Menschen erwartet, scheint man offensichtlich auch über gewisse Dinge die einem komisch vorkommen, unbewusst hinwegzusehen.
Hallo Herr Kubitz, als Geschäftsführer von Yasni stimme ich Ihnen in einigen Dingen sogar zu (insbesondere der Longtail-Krieg tobt in der Tat) – aber Sinn und Seele von Yasni haben Sie leider missverstanden. Schauen Sie mal auf http://www.yasni.de/contentmanufaktur/person+suche oder http://www.yasni.de/index.php?action=viplist&vi... und informieren Sie sich über die auch außerhalb Yasnis in vielen “Yasni-Clubs” aktive Yasnianer-Gemeinde und Sie werden verstehen …
Longtail-Optimierung auf Namen ist bei Yasni einfach Mittel zum Zweck (wir haben nunmal kein Geld für Fernseh-Werbung) und auch nach meiner Meinung “durch”.
Hallo Herr Rühl, vielen Dank für den Kommentar. Ich muss nur leider sagen, dass mich z.B. der erste Link gar nicht überzeugt. Genau 50 % der genannten Namen hatten noch niemals etwas mit unserer Contentmanufaktur zu tun… Und, herrjeh, wer ist denn die Zielgruppe der Top-Vips? Doch eigentlich nur der Robot, damit die Personen etwas Linkjuice abbekommen. Oder?
Aber ich wollte eigentlch gar nicht Yasni besonders aufs Korn nehmen, denn Sie tuen ja, was möglich ist. Mit dem Anlegen eines Exposées möchten Sie ja auch die rein mechanistische Darstellung druchbrechen. Und genau das halte ich für eine sehr gute Idee. Allerdings, Sie werden mir vielleicht zustimmen: So richtig “menschlich” sieht das (von den hübschen Farben abgesehen) nicht bei Ihnen aus. Und ich glaube, darauf wird es in Zukunft schon ankommen…
Naja – nobody is perfect und mehr als 50% passen bei Google meist auch nicht. Generell gehts um Personen, die mit dem Suchbegriff was zu tun haben (und das sind dann nicht nur Angestellte) und wenn man auf die Namen klickt sieht man auch vorsortiert woher die Verlinkung kommt.
Bei der “Zielgruppe der Top-VIPs” tun Sie mehreren hundertausend Mitgliedern unrecht – ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich da wirklich “drüber stellen” möchten … (ich würde mir das jedenfalls nciht anmaßen;-).
Ich weiß, dass es nicht um Yasni speziell ging und ich verstehe auch die Kritik. Aber der Longtail-SEO-Traffic ist halt gerade NICHT das Wesen von Yasni (und macht übrigens auch nichtmal die Hälfte des Traffics aus).
Um das “aussehen” kümmern wir uns noch (wir betreiben mit nichtmal 20 Leuten eine Seite, die monatlich 10% aller dt. Internetuser erreicht). Allerdings gehts um Angebotsdarstellung und nicht um Kommunikation untereinander (wie menschlich ist denn ein Freelancer-Verzeichnis, die gelben Seiten oder ein Businessnetzwerk? Muss denn alles zum Zeit töten da sein?).
Hi, das mit dem Aussehen finde ich ja gar nicht so schlecht. Ich meine eher die menschliche DNS, die in einem Verzeichnis ja gar nicht zu sehen sein kann. Ich finde übrigens auch, dass nicht alles der Unterhaltung dienen sollte und ein Telefonbuch darf auch aussehen wie ein Telefonbuch.
Das mit dem “Nicht-Longtail” überrascht mich doch sehr, was ist denn der Yasni-Shorttail?
Und die Sache mit den “20 Menschen, die 10 % aller Internetuser erreichen möchten” ist ja genau gerade exakt das von mir angesprochene Problem: DAS geht halt nur über Automatismen, klar. Und über das Crawling anderer Seiten. Und meine Behauptung ist halt: das funktioniert halt nur begrenzt gut weil auch Internet-User sich gerne “berührt” fühlen.
Sie sprechen mir aus der Seele (mit dem “berührt fühlen” und wir arbeiten dran. Wir sehen uns als “Google für Personen” – daher ist eine gewisse Automatisierung gewollt. Der “Shorttail” sind unsere Direktnutzer (natürlich wollen wir als Suchmaschine möglichst oft direkt genutzt werden), Nutzer über Backlinks, die sich andere Nutzer in ihre Blogs (die Exposé-Links) eingestellt haben, Nutzer über Presse & Blogs (wie z.B. Ihres;-) und sowas hier: http://www.google.de/search?q=personen (das ist definitiv KEIN Longtail und wir sind auf Platz 1 oder 2 bei unzähligen solcher Suchworte/Kombis).
o.k.. Ich attestiere: Yasni ist komplexer als man so denkt. Ich werde wohl oben im Beitrag ein/zwei Begriffe ändern
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