Preisfrage: Wo habe ich dieses Foto gemacht?

Ist das der Blick von einem buddhistischen Kloster in Italien? Bin ich hier auf dem Dach der Welt, dem Himalaya? Nun, so könnte man sich fühlen, wenn man auf der Knorrhütte kurz vor dem Aufstieg zum höchsten Berg Deutschlands einen Kaiserschmarrn verdrückt. Aber, fangen wir vorne an…
Wir starten im Olympiastadion in Garmisch-Partenkirchen. Irgendwie bringen es die Leut’ hier fertig, selbst im August die Skischanze hinunter zu springen. Ich habe mir vorgenommen, mal zu googeln, wie das funktioniert.
Egal. Der Weg durch die Partnachklamm ist aufregend – aber das nicht nur wegen der engen Schlucht. Nein, es sind die vielen Touristen hier, die nerven. Ich bin auch einer…
Weiter geht es dann auf Schotterstraßen und milden Wanderpfaden in die Höhe. Schon schön das alles – aber nicht so dramatisch, wie man sich das bei einer Besteigung der Zugspitze vorstellt. Nun, wir wissen ja noch nicht, was morgen auf uns zu kommt…
Geschlafen wird auf der Reintalangerhütte. Warum ich davon kein Foto habe? Ich hab’s schlicht vergessen. Buddha meets Alpenverein: Auf DIESER Hütte war ich nicht zum letzten Mal.
Schon ein paar Meter hinter der Hütte erinnert uns die Welt, genauer gesagt das Reintal, uns herum an das schreckliche Moria.

Wir rechnen minütlich mit einem Angriff der Orks, finden statt dessen eine Behausung der Hobbits. Es ist keiner daheim, vermutlich ist Frodo mit Gandalf unterwegs, beschäftigt mit de Rettung der Welt.

Wir hätten gerne mit den kleinen Leuten die Pfeife kreisen lassen, müssen aber weiter. Der Berg ruft.

Am Ende des Reintals geht es steil nach oben, noch steiler nach oben und das – zunächst – ohne Ende. Das Ziel ist die Knorrhütte. Wir brauchen irgendwie nur knapp zwei Stunden für diesen Aufstieg, aber danach ist nicht mehr viel von mir übrig: 700 Höhenmeter, da gerät man (vorerst) an seine Grenzen. Wird aber reich belohnt. Denn irgendwie hat es der große Wetter-Regisseur geschafft, die Wolken vor unseren Augen von der Hütte weg zu blasen, die Kulisse ist, schlicht, umwerfend.

Und nicht nur das: Sollte man sich darüber Gedanken machen, warum man sich zu Fuß in solche Höhen bringt und das das doch viel zu anstrengend sei, achte man nur auf die anderen Wandergruppen: ältere Herren mit einem Lächeln auf den Lippen kommen hier ebenso an wie die Familie mit drei Kindern, das jüngste im Tragerucksack der Mutter. Ich beiße die Zähne zusammen.
Überhaupt bleibt hier wenig Raum für die gerade entstehende Blase am Fuß und die brennenden Waden. Die Kulisse zwischen buddhistischen Flaggen, tiefblauem Himmel und schnell tieffliegenden Wolken haut sicher den naturkritischsten Nerd um. Garantiert!
Ich denke darüber nach, dass man so etwas häufiger machen sollte…
Allerdings komme ich auch ins Grübeln: Diese Hütte liegt auf 2051 Metern Höhe. Die Zugspitze ist knapp 3000 Meter hoch. Äh? Ich habe noch mehr als 900 Höhenmeter vor mir? Ist das machbar?

Jedenfalls ist der Weg absolut unfassbar. Wir laufen durch Schneefelder – mitten im August. Ich weiß zwar, dass auch auf der Zugspitze die Erderwärmung schon getobt hat und der Gletscher in akuter Gefahr ist. Aber der Gedanke, zu Fuß zu einem Ort gelaufen zu sein, an dem auch im Sommer Schnee liegt, lässt ein wenig Stolz aufkommen.
Einer der letzten Gedanken überhaupt. Denn als wir die Seilbahn Sonn Alpin am Fuße des noch übrig gebliebenen Gletschers erreicht haben, lassen wir diese links liegen und nehmen die letzte Etappe in Angriff. Das ist ein guter Grund nicht mehr zu denken sondern einfach nur zu klettern. Es geht erst über einen krassen, supersteilen Geröllhang vorbei an der Radiostation aus dem denkwürdigen Rosenmüller-Film “Wer früher stirbt ist länger tot” und dann ab in die Felsen. Mann, mach deinen Weg, hoch, einfach nur hoch…
Weiter oben nackter, steiler Stein. Ja, es gibt Drahtseile, die den Aufstieg sichern. Aber ich habe heute schon 1200 Höhenmeter in den Beinen und jeder davon erhöht die Erdanziehungskraft hier oben spürbar. Und ist hier, auf 2800 Meter eigentlich die Luft schon dünner? Möglicherweise.
Ich taumle auf einem Grat, der die Grenze zwischen Deutschland und Österreich markiert, meine persönliche Grenze liegt schon längst weit hinter mir.
Jetzt pfeift der Wind, Nebel verschleiert den Ausblick, hier die Gipfelstation, die Treppenstufen auf das Aussichtsplateau nehme ich langsam, Schritt nach Schritt. Schön ist das jetzt nicht mehr, nur noch beeindruckend…

Was allerdings dort oben los ist, na ja, das ist der völlig Abtörn. Und damit meine ich nicht, das das Gipfelkreuz im Nebel liegt und sich güldne Kunstwerk nur hin und wieder durchsetzt. Nein, nach dieser Berg(tor)tour heute fühle ich mich zwischen den frisch geduschten aber vom vernebelten Ausblick enttäuschten Besuchern hier wie ein Yeti. Glücklich schon – aber schwer irritiert.
Am nächsten Tag hat mich dann das Magen-Darm-Zeugs, das gerade rum geht und ich hänge zu Hause in den Seilen. Vielleicht war es auch die Überanstrengung? Ich weiß es nicht. Fest steht nur: Die Tour kann man nur machen, wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt. Und doch: Man muss sie gemacht haben. SENSATIONELL!
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