Über Google Streetview, Ilse Aigner und einen Shitstorm

August 12, 2010

Mir konnte noch keiner erklären, warum ausgerechnet Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner für Google Streetview zuständig ist. Ich dachte immer, zu so was braucht man ein Innenministerium oder die Justiz. Na, egal. Jedenfalls hat Google das Sommerloch genutzt, um einen recht fixen Start von Google Streetview zu lancieren. Erwartungsgemäß meckert die CSU-Ilse dagegen und gerät ihrerseits in so etwas wie einen Shitstorm. So nennt man das, wenn…, äh…., ach…, das erklärt sich ja von selber.

Und ich? Ich überrasche ich mich gerade selber damit, dass ich die Streeview-Kritiker verteidigen möchte weil die digitale Bohème allzu borniert agiert.

Worum geht es? Google fährt weltweit durch viele Straßen und bastelt die so gewonnenen Fotos zu einem visuellen Rundgang durch die Städte zusammen. Das sieht dann nachher so ähnlich aus, wie jetzt schon z.B. München auf Sightwalk.de. Ja, das gibt es schon auch hierzulande, aber es ist natürlich ein Unterschied, ob Google oder ein Startup so etwas bastelt.

Jedenfalls gibt es – offenbar im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – in Deutschland  eine Front gegen die massenhafte Veröffentlichung von Straße-Fotos. Man fühlt sich bedrängt. Und an die Spitze dieser Bewegung hat sich die Ilse Aigner gestellt. Sie lies auch gleich einen Sprecher mitteilen, dass sie gegen die Veröffentlichung ihrer Wohnhäuser (?) Widerspruch einlegen wird und eben dies empfiehlt sie auch anderen Mietern und Eigentümern. Ein Schritt, den Google explizit möglich macht.

Was mich aber nun aufbringt ist die Flut von unreflektierten und totschlagarumentativen Erwiederungen der “digitalen Bohème”, wenn ich hier auch mal ganz polemisch die Schubladen aufmachen darf. Zwei Beispiele:

Nico Lumma, ausdrücklicher SPD-Mann, einer der wenigen deutschen Alphabloggern und “Director Social Media” bei Scholz & Friends bloggt unter der Überschrift “Der deutsche verpixelte Michel” sehr zornig vor sich hin. Er sieht in Google Streetview DAS Sommerlochthema vor Rentenreform und Atomausstieg und sorgt sich, wie Deutschland im Wachstumsbereich Internet international wieder Anschluss finden kann. Deshalb rügt er die Politiker gleich ganz pauschal: “Sie haben nicht verstanden, daß Offenheit und Transparenz durch das Internet möglich gemacht wird, daß eine neue Art der Öffentlichkeit entsteht und daß diese nützlich sein kann. …. Leider sieht man diese Ablehnung bei zu vielen sogenannten Entscheidern in Deutschland, weswegen die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in einem extrem schnell agierenden Markt leichtfertig verspielt wird.” Puh, man diskutiert über Google Streeview – und schon wird die Zukunftsfähigkeit Deutschland verspielt? Starker Tobak!

Und Nico polemisiert, recht orginell, wie ich finde: “Ich freue mich auf die Rückkehr von Frau Aigner aus dem Urlaub, falls sie gerade weg sein sollte, denn dann wird die Schutzpatronin des deutschen verpixelten Michel sich mit voller Kraft gegen die heranstürmenden amerikanischen Google-Kamera-Autos zur Wehr setzen und die Herrschaft über den deutschen Gartenzaun sichern.” Das liest sich lustig und ist deshalb auch erlaubt (finde ich).

Aber mir ist das irgendwie zu dünn. Wie wäre es mit einem Hinweis darauf  (für die vielen Politiker, Entscheidungsträger und alle anderen, die in ihrer Begeisterung über das Durchfotografieren eines ganzen Landes noch zögern, so wie ich…) welcher Nutzen es denn ist, für den wir ein Stück Priavtsphäre aufgeben?

Ich sehe ja tatsächlich kein Problem darin, wenn mein Haus fotografiert wird, aber ich habe ein ungutes Gefühl dabei wenn das Google macht. Und trotzdem glaube ich nicht, dass ich eine Innovationsbremse für Deutschland bin…

Noch ein Beispiel. Markus Breuer (Geschäftsführer bei Elephant Seven in Bielefeld, Nerd, Vater u.s.w.) holt gleich die ganz große Keule aus der Polemik-Kiste: “Google Streetview prallt auf eine rückwärts gewandte Kultur: Deutschland“. Bei ihm ist es gleich mal die Mehrheit der Bevölkerung, die wirklich Neuem sehr, sehr skeptisch und ängstlich gegenüber steht.” Na ja, ich befürchte eher, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt nicht für Streeview interessiert…

Jedenfalls schäumt Breuer in sehr breit angelegten Verallgemeinerungen wie “unsere Politiker (aller Couleur) überschlagen sich mit Beschimpfungen wieder das gottlose Tun von Google (die wollen damit “Profite machen”!) und Empfehlungen, wie man sich schützen kann.” Ja, ist das so? Und wer überschlägt sich mit Beschimpfungen gegen Politiker und die Deutschen?

Aber es geht noch weiter, viel weiter – und zwar in die deutsche Geschichte: “Grundsätzlich ist die Mehrheit der Menschen ja eher konservativ. In Michels Deutschland kommt aber noch etwas dazu: wir verherrlichen und idealisieren die Vergangenheit.” OHA! Ein Politiker dürfte so etwas nicht sagen, sonst hätten wir gleich wieder eine NS-Diskussion. Im Internet kann man so was schon mal schreiben – aber das führt uns nicht weiter. Oder?

Jedenfalls erklärt uns Breuer im weiteren Verlauf des Artikels, dass dies alles wohl der Kampf zwischen “Spielkindern” gegen die “blasierte Elite” sei und er er empfiehlt letzteren, sich bekehren zu lassen: “Ändert sich eine Spezies nicht, macht sie keine Experimente, versucht sie nicht Neues (oder zu langsam; weil sie beispielsweise einen langen Generationenzyklus hat), schrumpft die Population und vielleicht stirbt diese Spezies einfach aus.” Da mag man sich fragen, warum dann das Geschrei? Wenn die blasierten, technikfeindlichen Eliten eh bald aussterben? Egal.

Ich bin ja wahrlich nicht technik-feindlich. Und mir ist es im Grunde auch egal, wer mein Haus fotografiert. Aber ich zucke zurück, wenn ein Fast-Monopolist wie Google dies tut. Ich finde, da ist eine eine gesellschaftliche Diskussion durchaus sinnvoll und sollte nicht pauschal abgesemmelt werden. Außerdem halte ich es für ungerecht, wenn man mir  nun unterstellt, die Zukunftsfähigkeit Deutschland zu beschädigen und die Vergangenheit zu idealisieren. Das ist, mit Verlaub gesagt, völliger Schwachsinn und ich erwarte von Entscheidungsträgern auch bei Agenturen einen vernünftigen Dialog und keine Durchmarschpolemik!

Könnte passen:

  1. Hilferuf für einen Journalisten
  2. Blutgruppe, Benzinpreis und Babys: Wie erkenne ich einen Hoax?
  3. Google definiert “Blog” ganz neu

Eric Kubitz ist auch auf Google+ und Twitter Twitter.

  • Linda Reiner

    word!

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  • http://www.kubitz.net eric108

    Word?

  • http://twitter.com/Nico Nico Lumma

    hmm, ich mag aber beim polemisieren nicht so doll abwägen, das macht die polemik hinfällig. :)

    aber ich gebe dir recht, die diskussion muss geführt werden.

  • http://twitter.com/jensbest jensbest

    Kommerzielle Interessen sind böse…..

    Natürlich wäre es schöner, wenn die digitale Ebene der Öffentlichkeit von der Zivilgesellschaft getragen werden würde und durch den Staat unterstützt.

    Wikipedia zeigt zwar, dass zivilgesellschaftliches Engagement von vielen online zu guten Werkzeugen der Öffentlichkeit werden kann. Aber z.B. openstreetmap im Vergleich zu google map zeigt, dass es auch ein wenig schneller, anwendungsfreundlicher und innovativer zugehen kann, wenn ein wirtschaftlicher Anbieter in einer gewissen Offenheit mit der Zivilgesellschaft interagiert.

    Damit reine zivilgesellschaftliche Projekte besser funktionieren, muss es eine soziokulturelle Anstrengung geben, um weite Bevölkerungskreise langsam an die pro-aktiven Möglichkeiten des Web heranzuführen und damit ihren kognitiven Mehrwert einzubringen, statt ihn weiter zu verglotzen.

    Hier wäre die Politik gefordert. Aber denke ich an das “Projekt” Deutsche Digitale Bibliothek wird mir angst und bange um Deutschlands Zukunftsfähigkeit. Das gleichzeitige hexenjagd-ähnliche Hetzen gegen Google Books oder jetzt Streetview zeigt, dass der Digitale Aufbruch nun in den Händen der Teile der Zivilgesellschaft liegt, die bereits im Informationszeitalter angekommen sind.

    Als Initiator der Aktion “Verschollene Häuser” freue ich mich auf die Erlebnisse, die die mittlerweile über 300 Foto-Aktivisten haben werden, wenn wir die “verschollenen Häuser” bei streetview und anderswo im Web neu einstellen. Digitale Panoramafreiheit jetzt!
    http://bit.ly/duPtJA

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