Totale Überwachung 2.0

by Eric Kubitz on Juni 21, 2009

in Leben

teheranGestern, beim Verfolgen des wirklich beeindruckenden Live-Feed auf Twitter (via Hashtag #iranelection) zu den Ereignissen in Teheran kam mir immer wieder folgender Tweet in die Quere: “Twitition: Google Earth to update satellite images of Tehran #Iranelection http://twitition.com/csfeo”. Clevere Idee: Wenn die iranische Regierung alle Fernsehkameras im ganzen Land abstellt – schaltet Google diese dank Google Earth via Satellit wieder ein. Wir sitzen vor unseren Notebooks und iPhones und verfolgen die Auseinandersetzungen bequem auf dem Bildschirm. Um ganz ehrlich zu sein: Allein die Idee macht mir schon Angst! (Bild: “Freiheitsturm” in Teheran via Google Maps)

Warum bekomme ich da Angst? Schließilch geht es doch um die Aufrechterhaltung der Berichterstattung aus einem Land in dem dies einfach nicht anders möglich ist. Und Google scheint ja die Mittel zu haben…
Warum also nicht?

Also erstmal hat Google diese Mittel nicht – zum Glück. Denn die mehr oder weniger aktuellen Bilder auf Google Earth können nicht einfach nach Belieben aktualisiert werden. Das sind Satelittenbilder, die nicht einfach so am Kiosk zu haben sind und aufwändig für den Einsatz in Google Earth aufbereitet werden. Rein technisch (und auch wirtschaftlich) ist das also Quatsch. Aber das ist nicht mein Problem.

Nein, mein Problem ist diese unfassbare Naivität die dahinter steckt: Wie kann man denn ein Unternehmen bitten, die Totalüberwachung der Straßen eines Landes einzuschalten, in dem die Regierung gerade versagt? Google ist doch nicht die UNO oder die Weltregierung! SOLLTE Google in der Lage sein, eine solche Technik an den Start zu bringen, müsste man die Firma sofort, tja, was eigentlich?

Ich will hier nicht Fernsehbildung á la “24″, “Staatsfeind Nr. 1″ oder  so predigen. Aber uns muss doch klar sein, dass die Mittel für eine solche Überwachung nicht in die Hände von Unternehmen – und eigentlich auch nicht von Regierungen gehören. Auch dann nicht, wenn es mit einem auch in meinen Augen moralisch völligen legitimen Ziel gerechtfertigt wäre.

Ja, sind denn die derzeit etwa 6.500 Supporter dieser “Petition” wirklich so naiv? Ich befürchte schon. Wer die Welt in erster Linie durch seine DSL-Leitung wahrnimmt, erhält wohl ein digital verzerrtes Bild der Wirklichkeit und nur ein schemenhaftes Bild von Werten, die sich nicht digitalisieren lassen. In einem Browserfenster ist verdammt viel möglich – es ist nur eine Frage der Technik. Dass es in der realen Welt manchmal auch  noch tiefere Gründe für oder gegen ein “Feature” gibt, geht möglicherweise dabei unter. Tja Leute, manchmal muss man sich nun mal selber eine Meinung bilden und findet diese nicht durch Nachblättern in Google oder bei Facebook.

Deshab macht mir das also Angst: Ich mache mir Sorgen um eine Generation von Internet-Usern, die die zweifelsfrei extrem wichtige und auch superspannende Entwicklung im Datennetz als Raster für ihr richtiges Leben nehmen. Das halte ich für gefährlich!

Oder, mi anderen Worten: Die Welt besteht aus mehr als dem Internet. Das ist übrigens auch mein Statement zur Piratenpartei…

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{ 2 comments }

Sebastian Schürmann Juni 21, 2009 um 12:23 pm

Die Welt besteht vllt. mehr als nur dem Internet, deine generation MUSS aber auch kapieren das Iternet ein teil der Welt ist.
Gute Aktion das mit den Bildern, Freiheit setzt auf freiem Zugang zu Information auf. Informationen verstecken ist halt die alte Leier der Erhalter konservativer Werte. Deswegen PRO Google, Pro neue Bilder.

eric108 Juni 21, 2009 um 12:32 pm

Hihi, keine Sorge, Sebastian. Ich habe schon kapiert, dass das Internet ein Teil der Welt ist. Und, hey, Google ist mein Freund. Nicht nur das: Ich lebe davon.
Und trotzdem will ich Google nicht als neue Weltregierung. Wenn Twitter Wartungsarbeiten aussetzt, damit die mutigen Menschen im Iran weiter kommunizieren können, ist das super!
Aber ich sehe trotzdem immer noch Unterschiede zwischen erfolgreichen Firmen und demokratisch gewählten Staaten (damit meine ich NICHT die Iranische Regierung. Nicht, dass hier ein falscher Ton rein kommt).

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