Süddeutsche Zeitung: “Kinderarmut geht zurück”. Gefälligkeits-Journalismus?

Januar 26, 2012

Gestern noch habe ich mir das “Neue Handbuch des Journalistmus” der Bundeszentrale für politische Bildung durchgelesen – und gleich heute möchte ich die Süddeutsche Zeitung daran messen. In der heutigen Ausgabe gibt es nämlich auf Seite eins (und im Web) einen Artikel, der mich wirklich ärgert: Kinderarmut geht zurück. Und auf Seite 164 des Handbuchs steht: “Nichts, was Redakteure auf den Tisch bekommen, ist so eng mit Irrtum, Blindheit oder Lüge verschwistert wie die Zahl”. Schauen wir mal…

Der Einstieg des Artikels: “Die Kindarmut in Deutschland hat weiter abgenommen. Dies geht aus einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.” Ignorieren wir das später nicht begründete Wort “weiter”, bleibt möglicherweise nur Gefälligkeits-Journalismus gegenüber der Bundesagentur für Arbeit – bei dem man auch noch so tut, über exklusive Zahlen zu verfügen. Na gut, zumindest online steht im Vorspann der Nachsatz, dass Kritiker davor warnen, das Ergebnis positiv zu bewerten.

Die Nachricht

In den vergangenen fünf Jahren (also seit 2006) hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Hartz-IV-Haushalten um 13,5 Prozent veringert. Schön! Oder? Der Grund dafür ist jedenfalls schnell zur Hand: “Weniger Kinder in Hartz IV bedeutet, dass es den Jobcenter gelungen ist, ihre Eltern in Beschäftigung zu bringen”, wird BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt zitiert.

Was ist daran falsch?

Was mich daran zunächst ärgert: Diese Interpretation, dass die Eltern dieser Kinder nun dank Jobcentern eine Arbeithaben, ist pure PR. Was aber wirklich schlimm ist: Wenn man ein bisschen nachrechnet, kommt man zu einem völlig anderen Schluss. Nämlich, dass die Kinderbenachteiligung in Deutschland gewachsen ist. Wie das?

Wenn zwischen 2006 und 2011 die Hartz-IV-Kinder um 13,5 Prozent zurück gegangen sind und dies an den Arbeitsplätzen der Eltern liegt, sollten wir uns mal die Arbeitsmarktstatistik ansehen:

  • 2006 hatten wir 12 % Arbeitslose,
  • 2011 hatten wir 7 % Arbeitslose,
  • Die Arbeitslosenquote hat sich also um etwa 40 % verbessert.

Aha! Die Zahl der Arbeitslosen hat sich in diesen Jahren also um etwa 40 Prozent reduziert. Wären die Jobs statistisch gleichmäßig über die Bevölkerungs-Schichten verteilt worden, hätten also auch 40 Prozent der zuvor arbeitslosen Eltern von Hartz-I-V-Kindern nun einen Job mehr. Aber es sind 13,5 %. Mit anderen Worten müsste/könnte die Überschrift so lauten:

Wirtschafts-Boom geht an Hartz-IV-Kindern vorbei

Und ein wenig ängstlich sollten alle sein, die an der Schwelle zu Hartz-IV stehen. Denn ein Wirtschaftsabschwung wird sie vermutlich nicht WENIGER treffen, als den Rest der Gesellschaft.

Nun lasse ich mich gerne davon überzeugen, dass ich da falsch gerechnet habe oder falsche Annahmen mache. Das kann schon sein, denn ich bin ja nur Blogger und habe keine exklusiven Zahlen von der Arbeitsagentur.

Eric Kubitz ist auch auf Google+ und Twitter Twitter.

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