Sonntag morgen, als Sascha Lobo und Jürgen Drews vor meinem Frühstückstisch standen

August 14, 2010

Die Sonne trocknete noch die Terrasse, ich hatte Semmeln beim Bäcker geholt und die Familie stritt ums Nutella. Es versprach, ein schöner Sonntag zu werden. Doch dann machte mich meine Frau auf die Gestalten am Gartentürchen aufmerksam. Dort standen Sascha Lobo, Nico Lumma, Martin Weigert plus ein paar andere Typen und glotzten. Wir versuchten ein bisschen sie zu ignorieren, aber ohne Erfolg. Auch auf mein Kschhhhh Kschhhh reagierten die deutschen Web-Vordenker nicht, deshalb sprach ich sie direkt an: “Hey, ihr stört. Warum lasst ihr uns nicht in Ruhe frühstücken?” Da hoben sie alle ihren rechten Zeigefinger, einer trat vor und sagte laut “Eure Privatsphäre beginnt hinter eurer Wohnungstür. Der Anblick eurer Häuser und Vorgärten ist öffentliches Eigentum.” Das  war Anatol Stefanowitsch, auch so ein Blogger.

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Sonntag früh, 10 Uhr, und schon zwanzig Typen am Gartenzaun. Hinter ihnen drehte sich eine große Rundumkamera über einem Autodach. “Das muss wohl das Streetview-Auto von Google sein. Was machen die in Bad Tölz?”, dachte ich bei mir. Laut sagte ich: “Haut ab, sonst hole ich die Polizei.”

Nun erhob Nico Lumma, er ist bei Scholz & Friends wohl der Social Media Motor, das Wort und schleuderte mir seinen Frust über meine Ablehnung entgegen: “Du hast nicht verstanden, daß Offenheit und Transparenz durch das Internet möglich gemacht wird, daß eine neue Art der Öffentlichkeit entsteht und daß diese nützlich sein kann.” Welchen Nutzen soll das haben, fragte ich mich, wenn ich nicht in Ruhe frühstücken kann? Lumma versuchte  mir klar zu machen, dass ich mich dieser Öffentlichkeit nicht verschließen solle, da sonst deutlich würde, dass “diffuse Ängste vor rationalen Gedanken” die Entscheidung bewirkt haben. Das kapierte ich nicht, aber ich kam auch nicht zum Nachdenken, denn meine kleine Tochter hatte angefangen zu heulen.

Dann, mit großer Geste, erschien plötzlich Guido Westerwelle im Bild. Er warf sich  zwischen meinen Gartenzaun und die Spannertruppe, flankiert von Reportern von Spiegel Online und Bild am Sonntag. “Das werde ich auch tun“, rief der FDP-Politiker und zwinkerte meiner Tocher aufmunternd zu. Auch er werde sich verpixeln lassen. “Für mich ist das eine prinzipielle Frage,” sagte er, dem Bild-Reporter zugewandt aber gerade so laut, dass der Spiegel-Mann das auch hören konnte. Unterdessen lies auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner ausrichten, dass auch sie ihre Wohnungen (!) nicht öffentlich sehen möchte.

Mitterlweile hatte sich eine ganze Menge Menschen vor unserem Gartentor angefunden. “Ist das denn nicht verboten?”, fragte ich den Polizisten, der herbei geeilt war. Der schüttelte den Kopf und zeigte auf den Bundesinnenminister Thomas de Maizière an seiner rechten Seite. “Der Blick auf die Risiken und Sorgen, die wir ernst nehmen, darf die vorhandenen Chancen und Vorteile nicht außer Acht lassen“, sagte der CDU-Politiker. Damit wollte er wohl sagen, dass er so etwas auch nicht verbieten wolle.

Ach, jeder plapperte drauf los, rief, polterte.  Martin Weigert, von netzwertig, wurde richtig zornig: “Herr Westerwelle, Sie sind ein schlechtes Vorbild!” Mit zittendernder Stimme maulte er: “Wenn nun ein Spitzenpolitiker nach dem anderen medienwirksam verkünden lässt, auch sein Haus bei Street View unkenntlich machen zu lassen, dann sendet dies ein fatales Zeichen in die Republik: Nämlich, dass der technische Fortschritt mit allen Mitteln aufgehalten werden muss.” So würde das nix werden, mit dem deutschen Fortschritt.

Mein Handy klingelte. Dran war ein Vertreter der Versicherung. Ja, es sei zwar Sonntag, aber das habe keine Zeit. Er habe gerade auf Google gesehen, dass wir nun offensichtlich einen Gartenteich hätten. Ob wir denn da nicht unsere Haftpflichtversicherung anpassen wollen? Was, wenn da mal jemand rein fallen würde?

Ich legte auf, denn genau diese Gefahr bestand:

Markus Breuer, Geschäftsführer der großen Agentur Elephant Seven, sprang über den Zaun und hüpfte neben dem Teich aufgeregt von einem Bein auf das andere. Mit großer Verachtung schmetterte er Westerwelle und allen anderen deutschen Politikern, ach ALLEN Deutschen engtegen: “Grundsätzlich ist die Mehrheit der Menschen ja eher konservativ. In Michels Deutschland kommt aber noch etwas dazu: wir verherrlichen und idealisieren die Vergangenheit.” Ich flüsterte meiner Frau zu, sie möge sich doch bitte mit den Kindern  drinnen in Sicherheit bringen und das Frühstück mitnehmen, ich würde auch gleich kommen.

Leider hörte Sascha Lobo mein Rückzugsversuch und blökte mich an, ob denn jedes Dorf entscheiden dürfe, ob es im Atlas stehen möchte? Nein, natürlich nicht. Was würden denn meine Nachbarn dazu sagen, wenn ich die Öffentlichkeit scheue? Er zog schnell seine Krawatte an, setzte ein Vertreterlächeln auf und klingelte bei Müllers und Schulzes nebenan und versuchte zu retten, was er retten wollte. Mit einschmeichelnder Stimme beruhigte er sie: “Die meisten Leute haben zweifellos Nachbarn, denen man einen so schwerwiegenden Eingriff in die Digitale Öffentlichkeit wie einen Google Street View Widerspruch zutraut. Und genau deshalb biete ich hier den Google Street View Widerspruch-Widerspruch an. Die Benutzung ist ganz simpel, man füllt das formlose Formular aus und schickt es an Google. Und zwar präventiv, falls man seltsame, offlinige Nachbarn hat, oder als Gegenwiderspruch, wenn man schon von einem Widerspruch weiss.” Nun ja, meine Nachbarn sind eigentlich viel offliniger als ich selbst und knallten ihm die Türe auf die Nase.

Die Familie hatte sich unterdessen samt Frühstücksgedeck nach innen verdrück, ich wollte ihnen folgen wurde aber von Jürgen Drews aufgehalten, der 65jährige C-Promi hielt mich am Ärmel und flüsterte “Ich habe damit überhaupt kein Problem. Ich verstehe zwar Einwände, dass etwa Einbrechern die Vorbereitung erleichtert könnte, aber wenn es jetzt nicht kommt, dann kommt es in fünf Jahren oder in zehn Jahren, es kommt definitiv. Wenn einer rauskriegen will, wo ich wohne und es wirklich auf mich abgesehen hat, dann schafft er das auch ohne Google.” Er vergas dabei, dass es ja niemand auf ihn abgesehen hat.

Nun hatte sich auch Gaby Dohm eingefunden. Doch gerade als die 66jährige Schauspielerin den Mund aufmachte, zog ich die Terrassentür hinter mir zu und setzte mich an den gedeckten Tisch. Meine Tochter weinte nicht mehr, mein Sohn hielt sich vor Lachen den Bauch, meine Frau funkelte mich böse an. Ich selber zitterte leicht.

“Sag mal,” fragte mich meine Frau. “Haben ihr Jungs am Sonntag morgen denn keine anderen Probleme?”

Könnte passen:

  1. Frischer whitehouse.gov-Wind in meinem kleinen Notizbuch
  2. Und nicht vergessen: Morgen Licht aus!

Eric Kubitz ist auch auf Google+ und Twitter Twitter.

  • http://twitter.com/martinweigert Martin Weigert

    So kann man die Ereignisse auch zusammenfassen ;)

  • http://www.kubitz.net eric108

    Ja, nicht besonders reflektiert (da geht bei dir mehr ab, gute Diskussion finde ich übrigens).
    Ist auch nicht böse gemeint ;-)

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