Ich werde das testen. Ich werde mein Ticket für die re:publica in einen Briefumschlag stecken, diesen an mich selber adressieren – und einstecken. Es ist nun drei Tage vor dem Kongress. Was wird passieren?

Ist die Post noch vertrauenswürdig?
Die älteren Leser werden mit den Schultern zucken und davon ausgehen, dass das Ticket spätestens übermorgen in meinem Briefkasten liegt. Die anderen, die sich vielleicht selbst als “Digital Natives” bezeichnen, werden das bezweifeln. Briefe per Post? Funktioniert das? Ne, oder?
Ich muss kurz erklären, wie es zu dieser experimentellen Anordnung kam. Das alles hat viel mit der Digitalisierung der Welt, mit modernen Übertragungswegen und natürlich mit der re:publica in Berlin zu tun, die am Mittwoch beginnt. Dort wird – ohne mich – über den Stand der Dinge im Lande “Internet” gesprochen, geliked, gepostet und getweetet. Ein interessantes Thema, deshalb wollte ich hin fahren und hatte eines der letzten Tickets bestellt.
Leider verhält sich das Real Life nicht immer planmäßig und Termine hindern mich an der Teilnahme. Na, dann halt nicht. Schnell mal über den Twitter-Kanal #rp11 die Eintrittskarte angeboten, völlig unbenutzt und zum Einkaufspreis. Noch sechs Tage vor dem Start, das müsste gehen!
Noch fünf Tage bis zum Kongress.
Der erste Käufer, ein junger Stratege aus dem Schwäbischen wollte erst und konnte dann nicht, weil ihm sein Vorstandschef einen Strich durch die Weiterbildung in Berlin machte.
Auf meine nächste Verkaufsanzeige auf #rp11 meldete sich der Weltentummler. Ein richtig netter Kerl aus dem Rheinland, wir telefonierten miteinander und besprachen die Pläne. Ich solle versuchen, das Ticket als PDF zu besorgen oder einzuscannen und ihm dann per E-Mail kabeln. Die Post erschien ihm suspekt, weil er am Montag früh nach Berlin reisen wolle.
Blöd nur: Der digitale Amiando-Ticketschalter kann die Karte nicht digital erstellen, ich fragte deshalb mal bei info@re-publica.de nach. Fünf Minuten später meldete sich Elisa auf meine Frage, was wir denn dem Weltentummler in die Hand geben müssen. “Er braucht ein Ticket in Papierform, entweder postalisch zugeschickt oder pdf-Ticket ausgedruckt. Ein gescanntes Ticket könnte den Barcode unleserlich machen.”
Noch vier Tage bis zum Start.
Ich schlug also vor, das Ticket nach Berlin zu schicken, irgendwo müsse ja sogar ein Weltentummler übernachten. Ihm schien das suspekt, aber er fragte schnell mal bei Elisa nach, ob ich denn das Ticket nicht an die re:publica schicken könne – und die bringen es ihm dann, wenn er den Friedrichspalast betritt. Oder so.
Selbstverständlich rechnete ich mit einer Absage von Elisa, denn Johnny Häusler hätte viel zu tun, würde er im Eingangsbereich auf Menschen ohne Adresse warten. Womit ich aber nicht gerechnet hatte: Elisa meldete sich niemals wieder.
Noch drei Tage bis zur re:publica.
Aber der Weltentummler meldete sich am nächsten Tag. Er rief noch mal an und zog es vor, den Verkaufs-Vorgang abzubrechen, das könne nicht funktionieren. Per Post… Immerhin wäre er ja mit seiner Freundin in einem Hotel in Berlin. Wie solle ihn der Brief dort erreichen? “Per Post”, meinte ich. “Hotels haben Adressen und nehmen Briefe entgegen”, erzählte ich aus meinem Nähkästchen. Als 47jähriger hat man so seine Erfahrungen gesammelt. Der Weltentummler blieb aber skeptisch – und wollte sich auf so ein Risiko lieber nicht einlassen.
Danach hatte ich in schneller Reihenfolge noch weitere Anfragen per Twitter. Jeder hatte es eilig oder lustig und wollte unbedingt ein Ticket. MeanMrMustar etwa fragte nach der Art und dem Preis des Tickets. Möglicherweise war er vom hohen Preis der Karte (110 Euro) überrascht und hatte eher damit gerechnet, dass er das ‘nen Euro per iTunes runter laden kann. Ich hörte jedenfalls nie wieder etwas von ihm.
Oder Smartgirlberlin, die suchte definitiv ein 3-Tage-Ticket (wie meines), bestätigte mit “haben wollen, wie hättest du es gern?” und war möglicherweise erschrocken, dass ich nicht lustig mit “hart und ausdauernd” antwortete sondern mit der Bitte, mir Ihre Adresse zu schicken. Die braucht man halt, damit die Post ihre Arbeit machen kann. Auch von ihr habe ich trotz Nachfragen nie wieder etwas gehört.
Ab in den Briefkasten..
Selbstverständlich bot ich meine Eintrittskarte für die re:publica weiterhin an – aber etwas lustloser nun und freilich ohne Erfolg. Ich schätze, wer zur “Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft” fahren möchte, hat vielleicht gar keinen Briefkasten mehr. Und wie soll jemand, der mit Schwarmintelligenz im Web 2.0 lebt, noch Vertrauen in die Deutsche Bundespost haben? Wer sich mit partizipativen Medienkulturen beschäftigt, will vermutlich per Micropayment downloaden aber nicht für ‘nen Kongress bezahlen.
Vielleicht sollte mal jemand den Leuten da draußen sagen, dass der Typ mit dem gelben Anzug, der immer die Lieferungen von Amazon bringt, bei der Post arbeitet. Und eigentlich klappt das doch immer ganz gut, oder?
Jedenfalls sitze ich nun auf meinem Ticket. Und ich werde mit mir selber testen, ob die Post immer noch ein guter Anbieter für den nicht-digitalisierten Versendungsweg ist. Vielleicht bin ich jetzt mein letzter Adressat?
Doch wenn im Live-Streaming von Sascha Lobo über die jüngsten Erkenntnisse der Trollforschung im Friedrichspalast die Kamera über einen einzelnen leeren Platz schwenkt, werde ich laut brüllen und in mein Twitter-Dings eingeben: “Seht her, ihr digitalen Vollpfosten. Da hättet ihr sitzen können!”
P.s.: Gerade hatte ich das Posting beendet, da meldete sich Franziska aus Dresden und nahm das Ticket. Ich schlug ihr vorsichtig den Postweg vor – und sie war einverstanden. Nun ist das Ticket unterwegs nach Dresden. Mmmmh, sollte ich jetzt diesen Text löschen? Ist ein Happy End ein guter Grund, auf so eine Story zu verzichten? Nein, natürlich nicht.