Wir befinden uns im Jahr 2012, das ganze Internet ist von Echtzeitinformationen und Krabbelgedanken besetzt. Das ganze Netz? Nein! Ein von unbeugsamen Wut- und Mut-Bürgern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Verfall des guten, alten Journalismus Wiederstand zu leisten. Doch das Leben ist nicht leicht für die, die dafür im Stuttgarter Kessel kämpfen.
Keine Sorge, hier soll es nicht wieder um Stuttgart 21 gehen sondern um eine kleine Redaktion, umgeben von Pressemultis wie dem Stuttgarter Zeitungsverlag, Holtzbrinck und der Motor Presse. Ich möchte der Redaktion des Kontext:Wochenmagazin mal ein riesiges Kompliment machen und zum kostenpflichtigen Abonnieren dieser kostenlosen Internet-Zeitung aufrufen.

Die Konzeption zum Start: unhektisch
Was ist passiert? Im vergangenen Frühjahr hatten einige verdiente Journalisten um Josef-Otto Freudenreich vom abhängigen Häppchenjournalismus derart die Nase voll, dass sie ihr eigenes “Blatt” gegründet haben, die “Kontext:Wochenzeitschrift“. Da im Web die Produktionsmittel frei und das Publikum endlos ist, sollte es eine Internetzeitung werden. Ein Webprodukt mit hohem, journalistischem Anspruch, völlig unabhängig und nicht in Häppchen geschnitten sondern mit richtigen Beitragsformen wie Interviews, Reportagen und Hintergründen.
“Niemand zwingt uns, der Hektik des Netzes zu verfallen, warum also keine Wochenzeitung im Internet?”, zitierte ich damals das Selbstverständnis der Redaktion – doch bezweifelte bedauernd, dass dies eine Chance hat. Ich schrieb “Ist Journalismus wirklich nur von hoher Qualität, wenn er so gemacht wird, wie ihr das mal vor vielen Jahr(zehnten) gelernt habt? Sind lange Texte an sich besser als kurze?” Nicht falsch verstehen: Der Wunsch, dass es funktioniert war da – allein der Glaube fehlte.
Sechs Internet-Jahre später: Sonntagmorgenlektüre
Man sagt, dass in ein Kalenderjahr sieben Internetjahre passen. Also schon seit sechs Internetjahren bin ich nun regelmäßiger und begeisterer Leser der Kontext:Wochenzeitschrift. Regelmäßiger Leser! Ich genieße die Reportagen der unbeugsamen Stuttgarter, die präzisen Nachfragen in Interviews, der meist unverstellte Blick auf die Menschen, die Detailliebe – in aller Länge. Na, und über die etwas langweiligen moderierten Spaziergänge mit Promis kann man ja hinweg lesen. Kurz: Ich bin begeistert, und ich möchte diesen klugen wöchentlichen Journalismus nicht mehr missen.
Allein: Das liegt daran, dass ich als Wochenend-Abonnent der taz in den Genuß einer gedruckten Ausgabe dieser Internetzeitung komme. Immer am Samstag liegen die Artikel nämlich der gedruckten taz-Samstagsausgabe bei. Perfekt, um sie am Sonntagsmorgen zum Frühstück zu lesen.
Ja, und damit oute ich mich als Zeitungs-Traditionalist. Weil das ja eine aussterbende Rasse ist, wäre das für das Stuttgarter Redaktionsmodell wohl nicht so nicht schlimm, wenn so ein Folklorist wie ich in diesem Fall mehr aufs Papier als ins Internet guckt. Doch warum müssen wir seit Wochen die verzweifelten Aufrufe von Freudenreich und Kollegen lesen, dass man unsere Hilfe benötigt? Vorschlag der Redaktion: Spendet uns monatlich eine Zuwendung von zehn Euro (gerne auch mehr) – damit es das Blatt noch länger gibt. Spätestens jetzt wird klar, warum die Kontext:Wochenzeitung so gut in die taz passt
Das Problem ist die verflixte Realität!
Also scheint den schwäbischen Digitalblattmachern das Geld auszugehen. Da bekomme ich gleich mehrere Deja vus und denke an viele engagierte Projekte (vor allem von Verlagen), die an den gleichen Realitäts-Mustern gescheitert sind:
- Erstens ist und bleibt das Internet eine riesige Aufmerksamkeits-Verdrängelungs-Maschine. Wer einmal in der Woche etwas veröffentlicht, liegt nun mal außerhalb des Konsum-Taktes. Das muss nicht schlimm sein, wenn man diese ungewöhnliche Erscheinungsweise den Usern auf einem Silbertablett präsentiert.
Doch unglücklicherweise konnte ich auf Kontext:Wocheneztiung etwa keine E-Mail-Benachrichtigung (aka Newsletter) für die neue Ausgabe finden. Auch der RSS-Feed hilft nicht viel, wenn man nur alle sieben Tage veröffentlicht – aber dann gleich viele Beiträge. Denn unglücklicherweise ist die Informationsflut am Veröffentlichenungstag kaum zu bewältigen – und dazwischen passiert nix.
Dieser von den Kollegen verursachte Fall durch das Konsumraster ist schade – und ärgerlich. Denn viele der Punkte wären auch ohne Verlust an Glaubwürdigkeit vermeidbar…
- Die Produktionsmittel im Web sind frei verfügbar – aber nicht die Einnahmen. Man spart sich im Internet die Druckmaschine, den Grossisten und die Zeitungsausträger. So bleiben von den Einnahmen fast 100 Prozent für die Wertschöpfung übrig – in diesem Fall die Redaktion. Wer aber auf Werbung, Affiliate und Sponsoring (aus guten Gründen!) verzichtet, hat dann aber leider 100 Prozent von fast nichts und ist auf den guten Willen der User angewiesen. Doch die Spendenbereitschaft der Webgemeinde ist nicht gerade ausgeprägt und auch kurzlebig. Das hat netzhistorische Gründe, die wir alle kennen. Blöderweise verschwinden die erheblichen Kosten einer Redaktion (Gehälter, Miete, Reisen, Rechner u.s.w.) nicht ebenso in einem netzhistorischen Nirwana…
Und eine Frage muss ich – bei aller Freude über den tollen Inhalt der Seite – auch nach neun Monaten noch einmal stellen: Soll das Vermeiden einer Sichtbarkeit im Internet die einzige Möglichkeit sein, Qualität im Internet zu machen? Ich bin immer noch darüber verblüfft, was alles auf der Webseite nicht zu finden ist. Und damit meine ich keine zwielichtigen Tricks hinsichtlich der Suchmaschinenoptimierung, sondern Dinge, die dem User Zugang zu den Inhalten bieten. Angefangen von einer verständlichen Navigation, die auch in der Nicht-Linearität des Internets eine Leser-Hilfe ist, über Erinnerungs-Funktionen bis hin zu einer internen und externen Verlinkung die dem Leser weiter hilft und Vertrauen schafft. Oder ganz einfache Entscheidungshilfen, ob ein Inhalt gelesen werden soll oder nicht. Wie etwa hier:

Woran soll ein Leser erkennen, ob er diesen tollen Artikel lesen möchte? Dafür wäre eine Dachzeile wohl das probate Mittel. Gibt es übrigens auch in guten Print-Produkten...
Doch ich schätze, die Kolleginnen und Kollegen in Stuttgart wissen um solch großen Kleinigkeiten – doch sie haben weder Nerv noch Etat, sich damit zu beschäftigen. Ich befürchte, dass wieder das passiert ist, was man immer wieder beobachten kann: Da wird eine Webseite konzipiert und gebaut – und es gibt keinen Etat (und keinen Schwung) für die Weiterentwicklung nach dem Start. In diese Falle sind schon viel web-erfahrenere Internet-Unternehmer getappt!
Auf jeden Fall: unterstützen!
Was also tun? Man müsste am besten den Pressemultis eine auf die Mütze geben und dann zum großen Wildschweinessen unter dem großen Baum auf dem Dorfplatz einladen. Dann würde uns ein Barde schöne Lieder vorsingen und an Ende hält der Bürgermeister eine Rede.
Aber ausgerechnet der Stuttgarter Bürgermeister dürfte wohl kaum zu den Unterstützern dieser Redaktion gehören. Und in digitalen Zeiten muss man sich eh anders Mut zusprechen. Deshalb habe ich gerade die kostenlose Zeitung kostenpflichtig abonniert und lege das auch meinen Lesern ans Herz: Das richtet sich an alle, die manchmal von der hektischen Krabbelgedankenflut im Web genervt sind und keine Lust auf anzeigenüberflutete Seiten oder Sponsor-Artikel, haben! Mit ein wenig Unterstützung der Kontext:Wochenzeitung könnt ihr die Welt ein bisschen besser machen! Hier geht’s zum Spenden.