Ha! Wer hätte gedacht, dass ich jemals eine solche Überschrift schreibe. Aber ich tue es. Nicht, weil ich Frank Schirrmachers “Payback” (“Ich-Erschöpfung”, “Maschinen übernehmen Kontrolle”) gar nicht sooo schlecht finde, nicht weil ich gerade ein Interview mit Jaron Lanier in der Samstagsausgabe der SZ (“Digitaler Maoismus”, Interview leider nicht online) gelesen habe und auch nicht, weil ich den Begriff “Slow Media” charmant finde – auch wenn ich bisher keine Zeit hatte, mich damit zu beschäftigen.

Nein, eine kleine Begebenheit in dieser Woche hat mich grübeln lassen. Mir wurde bewusst, wie das Web 2.0 und seine Kostenloskultur uns schon jetzt massiv geändert hat und uns schleichend verblödet. Und ich ziele nicht auf die “Inhabitants”, die all die Communities vollschreiben – sondern uns alle.
Große Worte, aber ich will erklären, was ich damit meine: Die Besserwisser-Community ist zum Teil unseres täglichen Lebens geworden. Wie schreibt man die Hauptstadt von Haiti? Das sagt mir Google, was ich noch mehr darüber wissen möchte, finde ich bei Wikipedia. Was tue ich bei einer Erkältung? Hausmittel finde ich bei Wer-weiss-was und einen Arzt auf dem Bewertungsportal Jameda. Steuerfragen? 123recht.net! Herzrhythmusprobleme? Irgendjemand wird dazu seine Erfahrungen notiert haben. Und jemand, der seine Community groß und mächtig machen möchte (um von AdSense-Werbung und Affiliate-Modellen leben zu können) hat sicher auch für komplexe Gesundheitsthemen ein Communtiy-Wissensportal gebaut, wo Menschen mit Herzrhythmusstörungen zu Wort kommen.
Habt ihr es gemerkt? Bei einfachen Fragen wie Rechtschreibung oder Einwohnerzahlen ist das Wissen der Masse eine feine Sache und anerkannt. Bei komplexen Fragen, die möglicherweise lebensentscheidend sind, würden wir lieber mit richtigen Experten reden. Das wäre im Grunde einfach. Doch trotzdem finden wir mittlerweile verdammt schnell eine Community, haben nach 0,3 Sekunden Google-Rechenzeit ein “relevantes” Ergebnis – und glauben daran. Die Grenze zwischen Plauderei und Expertengespräch ist weiterhin vorhanden – aber deutlich verschoben zugunsten von Halb- bis Achtelwissen.
Mein Beispiel:
Seit Jahren habe ich in verschiedenen Firmen und Konstellationen mit Rechnungen zu tun. Welche, die ich schreibe und welche, die andere an mich schreiben. Da erlebt man so einiges und lernt das deutsche Steuerrecht kennen. Aber, um ehrlich zu sein: So ganz sicher bin ich in diesem Bereich noch nicht, das deutsche Recht ist da äußerst unübersichtlich.
Nun hatte ich einen kleinen Handel über eine Domain abzuwickeln, es wurde von der Gegenseite ein schöner Vertrag gegoogelt und von beiden Seiten unterschrieben. Alles in trockenen Tüchern, fast harmonisch. Bis ich darum bat, eine korrekte Rechnung zu bekommen, in der entweder die Umsatzsteuer ausgewiesen wird oder darin formal korrekt vermerkt wird, dass das aufgrund der Kleingewerberegelung nicht nötig ist. Wie gesagt: komplexes Thema – aber da habe ich so meine Erfahrung.
Was soll ich sagen? Der Deal scheiterte. Die Gegenseite hatte damit nämlich keine Erfahrung, sammelte doch in mühseliger Kleinarbeit verschiedene Zitate im Web 2.0 und zog daraus die Erkenntnis, dass man, wenn man das Wort “Steuer” nicht schreibt, auch keine zahlen muss. Und, so die Gegenseite, wenn ich das nicht glauben würde, solle ich doch mal meinen Steuerberater fragen, der würde das schon bestätigen.
Da wurde also eine Menge Halbwissen aggregiert, gemixt und als Expertenwissen wahrgenommen.
Während andere Menschen also jahrelang studieren, erfahren und lernen, setzen wir uns vor den Bildschirm und lösen jedes Wissensproblem per Mausklick. Der Trick der Webseitenbetreiber funktioniert, es werden zu allen Themen Communities gebaut – und Leute schreiben dort rein. OPW, Others People Work, war früher der Begriff dazu, heute Web 2.0. Und du googelst – und triffst auf eine schnelle Antwort. “Jemand” der sich auskennt, hat sich die Mühe gemacht, dir eine Antwort zu schreiben, als es deine Frage noch gar nicht gab.
Das Problem: Ein Arzt oder ein Steuerberater (also jemand, der sich wirklich auskennt) wird seine Zeit nicht damit zubringen, auf wer-weiss-was.net Fragen zu beantworten. Er hat Kunden, eine Arbeit und verdient damit sein Geld. Warum sollte er das tun? Bleiben also nur diese “Jemands” übrig, die sich eben nicht auskennen aber die von dem bisschen Wissen, das sie haben, so beseelt sind, dass sie es der Welt verkünden wollen. Das Ergebnis: Je komplexer ein Thema, desto mittelbarer und banaler die Antwort der Community.
Glaubst du nicht? Was ist DEIN absolutes Spezialwissen. Google mal danach…
Ich arbeite als Suchmaschinenoptimierer und Web-Berater. Deshalb habe ich diesen Knall erst recht spät gehört. Denn in meinen Themen gibt es tatsächlich Foren und Blogs, in denen komplexe Wahrheiten von Leuten veröffentlich werden, die sich auskennen. Warum? Weil sie davon leben und dies ihr Marketing ist. Das gilt aber wirklich nur für die Internetwissens-Arbeiter, die schwimmen da wie Fische im Wasser. Aber Steuerrechtsfragen? Behandlungsmethoden bei Fußpilz? Wie stelle ich die Bremse meines Autos richtig ein? Steuerberater, Ärzte und Automechaniker breiten ihr Wissen nicht in Communities aus.
So what?
Das Mitmach- und Besserwisser-Web ist deshalb nicht “das Böse”. Gar nicht. Für einfache Fragen gibt es hier einfache Antworten. Fein. Und komplexe Fragen stellen wir halt einem Experten. Wir sind klug genug, zu unterscheiden. Ehrlich?
Ich habe mir vorgenommen, bei allen Fragen, die mir das Internet beantworten soll, ein Bild meines Gegenüber hinter dem Bildschirm zu visualisieren. Ich werde in Zukunft nicht nur eine Antwort auf misterinfo.de lesen – sondern mir auch überlegen, wer das warum geschrieben hat. Dann vergesse ich nicht, dass unser Gegenüber nicht immer der Spezialist ist, den wir uns erhoffen – sondern einfach jemand, der irgendwann irgendwelche Wörter geschrieben hat, die mit meiner Suchanfrage überein stimmen.
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