Habe gestern das “Jahrbuch” des Deutschen Verleger Verbandes zugeschickt bekommen. Ein dickes Ding, 220 Seiten auf schwerem, hochglänzendem Papier. Ich mag so was und habe mich sehr gefreut. Schade nur: Fehlt darin denn nicht ein Teil der Realität?
Ich stelle mir so ein Jahrbuch als eine Sammlung der derzeit wichtigsten Themen einer Branche vor. So wie in diesem Fall: “Starke Presse, starke Demokratie” von Springer-Chef Mathias Döpfner, “Innovation der Medienfoschung”, “Print lebt!” und “Rettet das Abonnement”. Und auch das Digitale erhält seine Rolle: “Die Zukunft des Online Werbemarktes und Branding-Wirkung im Internet” von Christoph Schuh und “Ein Berufsbild im Wandel” vom Vorsitzenden des Sozialpolitischen Ausschusses Herbert Ludz.
Und trotzdem, durch meine persönliche Jobbrille gesehen, fehlt darin ein erheblicher Anteil der aktuellen Realität in Verlagen: nämlich Google und das was die Verlage daraus machen (oder nicht machen). Gäbe es einen Zeitschriften-Grossisten, der im vergangenen Jahr 30-60 Prozent des deutschen Print-Vertriebes gewonnen hätte, er würde eine verdammt herausragende Rolle in diesem Jahrbuch spielen. Die digitale Entsprechung, nämlich Google, wird dagegen fast weg-geschwiegen – zumindest nur umkreist.
Wo ist in dem Jahrbuch die Diskussion um Google News? Wer sagt denn, wie sich das Berufsbild des Redakteurs dank SEO tatsächlich ändert? Wie fühlt sich denn ein Journalist, wenn seine Artikel zwischen neun anderen Suchergebnissen von eBay, Amazon und Produkthändlern stehen – und er trotzdem geklickt werden will?
DAS sind die Themen in den Verlagen und den Redaktionen. Wir beraten diese technisch und strategisch, wir bilden Redaktionen aus und wir sind die einzige deutschsprachige Agentur, die google-optimierte Inhalte auf hohem journalistischem Niveau für Verlage produziert. Deshalb kann ich behaupten: In den Verlagen kämpft man derzeit ganz operativ um den Paradigmenwechsel in den Redaktionen und um eine solide, digitale Positionierung in einer irrwitzig rasanten Web-Entwicklung. Themen rund ums Bullshit-Bingo in Marketing und Strategie werden eher nach Feierabend oder auf Kongressen diskutiert. Das kann man möglicherweise bedauern; ist aber so.
Schade also, dass einzig in dem Artikel von Michael Geffken (Leiter der Journalistenfortbildung des VDZ) mit dem Titel “Journalistische Qualität in suchmaschinenoptimen Zeiten” das Thema kompetent aufgegriffen wird. Seine perfekt pointierte Aufforderung geht zwischen all den anderen Artikeln leider unter: “Verlage müssen sich bei ihren digitalen Angeboten auf ihre Stärken besinnen: qualitativ hochwertige Inhalte, nutzergerecht aufbereitet.” Genau!
Doch immer dann, wenn man die Redaktionen mit dieser Aufgabe allein lässt und sich mit großpolitischen oder marketingtheoretischen Themen beschäftigt, knirscht es und statt Aufbruchstimmung herrscht Verweigerungshaltung. Und das in einem Kernbereich der Verlage, der vermutlich die größten Wachstums-Chancen birgt. Mir scheint, dass in dem VDZ-Jahrbuch ein wenig darum herum getänzelt wird, statt diese operativen Schwierigkeiten konkret zu thematisieren.
Na gut, dann ist das VDZ-Jahrbuch vermutlich doch eine gute Darstellung der Realität in vielen Verlagen – zumindest in denen, die immer noch denken, dass Google so was wie ein Trend ist, der bald wieder vorbei geht.
Ich denke allerdings, diese Haltung sollte sich ändern…
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