Die Antwort darauf: nicht alle.
Ich will aber keine Hasstirade gegen Blogs oder ein Schirrmacher-Bedenkträger-Revival feiern. Nein, ich möchte gerne der Frage nachgehen, ob sich klassische redaktionelle Medien überlebt haben, warum das der Fall ist und ob sie uns denn fehlen werden.

Also, Frage an die Wikipedia: Was ist ein Schmarotzer? Antwort: “Parasitismus (altgr. Para= Neben , Siteo/o = mästen, sich Ernähren) (Schmarotzertum) im engeren Sinne bezeichnet den Nahrungserwerb aus einem anderen Organismus. Dieser auch als Wirt bezeichnete Organismus wird geschädigt, aber entweder gar nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt getötet.” Hier stehen also zwei wesentliche Informationen: Erstens lebt ein Schmarotzer offenbar von einem anderen Organismus. Und zweitens schädigt er diesen.
Ich bin nach dieser Definition in diesem Moment kein Parasit. Denn dieser Beitrag lebt zwar ein bisschen vom Organismus der Wikipedia (ich habe ja Erklärung oben daraus genommen) – sie wird aber nicht geschädigt. Andererseits bin ich doch ein Parasit. Denn ich schreibe diesen Beitrag während ich eigentlich noch Studentenarbeiten zu korrigieren und eine SiteClinic für die CONTENTmanufaktur fertig zu machen hätte. Beides sind sind Dinge, von denen ich und meine Familie leben. Aber ich sitze hier und schreibe einen Blogbeitrag. Ich vertandle meine Zeit, und der Job bekommt etwas weniger ab. Und ich lebe ja von diesem Job…
Ein völlig anderes Beispiel: die Huffington Post. Die finde ich super, ehrlich. Ich stimme gerne im Chor mit ein, dass sich da viele Verleger mal ein Beispiel nehmen könnten. Und trotzdem, räusper, muss man wohl schon sagen, dass die Huffington Post von den Nachrichten der New York Times und anderen “richtigen” Newsseiten lebt – und davon, dass neben den 60 Angestellten auch 6.000 Menschen (darunter auch Promis) kostenlos für die Huffpo schreiben.
Zumindest bei der New York Post möchte ich bezweifeln, dass dies ein Zweckbündnis oder eine Symbiose ist. Im Gegensatz zu Google Suchergebnissen handelt es sich bei der Huffington Post nämlich um eine redaktionell gemachte Aufbereitung von allem, was interessiert. Kurz: Wer die Huffiington Post liest, braucht die New York Times nicht mehr. Aber die Huffington Post braucht die New York Times, weil dem so coolen Web-Unternehmen langweilige Funktionen wie Fotografen, Redakteure, Reporter, Agenturverträge, Archivare u.s.w. fehlen, die unter den 1250 Mitarbeitern der New York Times dafür sorgen, dass z.B. die Gefangenen in Guantanamo fotografiert und in höchst attraktiver Bildsprache im News-Kreislauf sind. Denn erst wenn dies passiert ist, kann die Huffpo daraus eine schicke Startseite machen:

Ich sage damit nicht, dass die Bilder geklaut sind. Das sind sie NICHT. Das Problem ist nur: Blogger (und viele andere Online-Medien, zugegeben) nutzen vorhandene Infrastruktur – die zum großen Teil noch von den klassischen Medien finanziert wird. Sie bringen häufig keine eigene Wertschöpfung in den Kreislauf, sondern sampeln vorhandene Inhalte, navigieren und kommentieren sie. Das alles ist wichtig – aber nun mal darauf angewiesen, dass es etwas zu sampeln und zu kommentieren gibt…
Na klar: Wenn bekannte Supernasen wie etwa Nico Lumma oder Sascha Lobo vor sich hin bloggen, dann generieren sie dabei meist irgenwie selbst ausgedachte, persönliche Inhalte. Die kann man inhaltlich bewerten wie man will – jedenfalls machen diese Alpha-Blogger damit persönliches Marketing und schaden keinem. Oder, ein anderes Beispiel: Wenn bei netzpolitik.org ein Beitrag entsteht, ist das sehr generischer Content, weil er von Menschen ist, die mitmischen. Oder der Blog von Shop xy, der eh vor allem der Google-Optimierung dient. Das alles sind keine Schmarotzer, sondern andere, spezialisierte Sub-Bereiche.
Doch die sind nicht die Regel. Es gibt sehr viele Blogger, die sich morgens die aktuellen News, oder sogar nur Blogs (die selbst schon über die Nachrichtlage reflektieren) anschauen und aus diesen dann in recht kurzer Zeit ihre Beiträge zusammen basteln. Dann schicken sie noch schnell einen geschickt formulierten Tweet in die Welt, der seinerseits 20 mal retweetet werden möchte. Und das alles ist schick, aktuell – jedenfalls nicht grundsätzlich böse. Schaut euch mal The Twitter Times an, da werden die Inhalte der Linkziele der Tweets der Menschen, den ich auf Twitter folge, in eine ansprechende Form gebracht. Das ist wirklich cool:

Doch, nicht vergessen: Damit diese Sammler und Sampler überhaupt arbeiten können, muss irgend jemand recherchierte und (zunächst) unique Informationen, die über das persönliche Erleben von einzelnen hinaus gehen, oben in den Kreislauf schütten. Und wir tun uns alle keinen Gefallen, wenn wir ständig die angreifen, die eben dies tun: die klassischen Medien. Ohne die ist in der Blogoshpäre und im Echtzeitweb jeder nur noch auf die eigenen Erfahrungen angewiesen. Ein trostloser Gedanke, der zu dumpfen Grübeleien über die allgemeine Verblödung aller führt.
Ein weiteres Beispiel: Für ein Testprojekt im News-Bereich habe ich bei Agenturen nach den Kosten und dem Unfang von News angefragt. Ich hätte für 10 News für ein spezielles Sport-Thema mehr als 400 Euro zahlen müssen. Das war mir schlicht zu teuer: 40 Euro für Rohmaterial (denn man kann ja nicht die Agenturmeldungen direkt veröffentlichen) – und das noch ohne Bild. Ich konnte nur kopfschüttelnd ablehnen. Da ist es billiger, viel billiger, sich morgens ein paar professionell gemachte Newsseiten anzuschauen und die Texte eben schnell selber zu schreiben. Der Haken daran: Ich nutze also Information der Redaktionen, denen ich aber mit meinem Beitrag wieder die Besucher weg schnappe – weil ich mit meinen Mitteln im Web schneller, schöner und cooler bin.
Mit anderen Worten: Ich schädige mein Wirtstier, bin also parasitär.
Nun, weil ich kein schlechter Mensch sein möchte, habe ich nun entschieden, diese Webseite genau diesen Wirtstieren zum Verkauf anzubieten. Sie bekommen ein funktionierendes Webprinzip in die Hände, und ich meinen Aufwand zurück erstattet. Da hätten wir dann wieder gegenseitigen Nutzen.
Um aber zum Einstieg zurück zu kommen: Also ja, manche Blogger sind Schmarotzer – ohne, dass man ihnen einen Vorwurf machen könnte. Denn es ist definitv eine Wertschöpfung, Vorhandenes zu sampeln und zu kommentieren. Das ist unbestritten. Und es ist andererseits nicht hilfreich, wenn klassische Medienverleger gegen Google, gegen Blogger, überhaupt gegen das ganze Internet schimpfen und vorgehen. Es ist auch nicht clever, wenn sie sich selber abschaffen, indem sie versuchen, selber möglichst billig produzierte Inhalte mit immer weniger Qualität in den Kreislauf zu schieben und weitgehend allen mit juristischen Schritten zu drohen.
Ich denke, es würde helfen, wenn die durchaus intelligente Blogosphäre ihren parasitären Ansatz erkennt und zusammen mit dem Wirtstier darüber nachdenkt, wie eine Symbiose zwischen beiden funktionieren könnte. Wie das aussehen kann? Vielfältig eben. Aber das war ja auch nicht die Aufgabe dieses Textes. Hier wollte ich ja nur erklären, ob Blogger auch Schmarotzer sind. Und, nun ja: nicht alle…
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