Wer unter sich ist, redet manchmal seltsames Zeugs. Das kann man in jedem Jahr im VDZ-Jahrbuch des “Verband Deutscher Zeitschriftenverleger” nachlesen. Da ist dann die “klassische” Verlagsbranche “unter sich” und die Verlags-Chefs schreiben endlich mal das auf, was sie woanders nicht unwidersprochen loswerden können. Das ist manchmal unfreiwillig lustig, manchmal recht klug und häufig ziemlich ehrlich. Ich lese das in jedem Jahr mit Interesse. Und manchmal auch mit Sorge, wenn sich wieder einer zu Wort meldet, der beim Schreiben wohl dachte: “Ach, dieses Internet, das ist nur ein Trend, das geht auch wieder vorbei”.
Nun, in diesem Jahr wurde der Artikel “Das gedruckte Wort ist wie ein Kuss” von Wolfram Weimer zu meinem Lieblingsartikel in dem Jahrbuch. Und weil noch kein Leistungsschutzrecht das Zitieren verbietet, will ich einige Stellen davon hier wiedergeben.
Einführend vergleicht der Chefredakteur von Focus “Online” und “Print” mit “Bild einer Blume” und “Blume” oder ein “Film über einen Sonnenuntergang” mit dem “Erleben eines Sonnenungergangs mit Grillenzirpen und Sand zwischen den Zehen”. Also: Print ist das Original, Online nur die Kopie. “Man kann lieben ohne zu küssen, aber warum sollte man?”, fragt er schließlich. Meint er das Wochenmagazin, das seinen Leser küsst – während die Webseite schnellen Sex ohne Kuss verkauft. Puh…
Weiter: “Das Flüchtige wird in den flüchtigen Medien ein Zuhause finden. Das Relevante aber wird immer nach Gravitation streben”, schreibt Weimer. Also: Je bedeutsamer etwas ist, auf umso schwererem Papier muss es gedruckt werden – während die unwichtigen Themen gerne an die Online-Redaktionen weiter gereicht werden können. Ob Jochen Wegner, der mit Focus Online eine der größten und besten Webseiten in Deutschland betreibt, das auch so sieht?
Auch das hat Konflikt-Potential: “Der Printjournalismus wird daher zusehends zur Heimstatt von Wirklickeit.” Ich hoffe doch, das war Focus schon immer, aber Focus Online auch? Und: “Der hastige Überschlag des Elektronischen führt dazu, dass wir uns in immer rascheren Abfolgen mit Scheinskandalen beschäftigen. Wir jagen von einer Panik in die andere.” Und Focus nimmt daran nicht mehr teil, sondern konzentriert sich auf die großen Themen dieser Welt? Aktueller Titel des Heft: “Bettina Wulff, die glamouröse Frau des neuen Bundespräsidenten”. Mmmmh.
Doch irgendwie kann ich Wolfram Weimer eigentlich in diesem Punkt zustimmen, dass die elektrischen Medien die panische Newssuche beschleunigen. Denn auch ich empfinde es als wohltuend, morgens eine Tageszeitung zwischen mich und den anstehenden Tag zu bringen – und keinen Bildschirm. Trotz allem ist Papier nur das Trägermedium, Qualitäts-Journalismus kann auch digital sein. Es hat den Musikverlagen ja schließlich auch nichts geholfen, immer wieder zu betonen, dass richtiger Musik-Genuss nur von Schallplatte oder CD kommen kann. Das stimmt nämlich nicht.
Deshalb muss man sich das letzte Zitat auf der Zunge zergehen lassen: “Ich plädiere daher für mutige Investitionen unserer Verlagshäuser in ihre Kernprodukte,” womit er sicherlich gedrucktes Papier meint. Weiter: “Vielleicht leiden einige unserer Printsegmente ja nur deswegen, weil wir nicht mehr in sie investiert haben.” Respekt! Eine mutige Aussage und eine kaum versteckte Forderung an seinen Chef Paul Bernhard Kallen nach mehr Geld für Print.
Aber möglicherweise ist das ja auch eine gut abgestimmte Strategie: Weimer verwirrt mit solchen Aussagen nachhaltig seine Verlagskollegen, auf dass sie möglichst viel Geld in große Entwicklungsredaktionen für vermeintlich revolutionäre Print-Titel stecken. Und der Rest des Burda Verlages macht das, was er immer schon macht: mehr oder weniger sinnvoll in Online investieren. Das wäre zwar nicht besonders nett – aber, hey, wir haben Krise!
Und mir fällt einfach nicht ein, warum Weimer sonst so etwas aufschreiben sollte? Dass der Chefredakteur eines der größten deutschen Magazine ernsthaft glaubt, der richtige Kurs der Verlagswelt geht über die Druckerstraße am Digitalen vorbei… Puh, das kann ich mir einfach nicht vorstellen.
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O-Ton Wolfram Weimer: “Ich plädiere daher für mutige Investitionen unserer Verlagshäuser in ihre Kernprodukte”. Burda hat gezeigt wie's geht: Zunächst erschienen vor einigen Wochen fast zeitgleich zwei neue Magazine. Die erste Nummer von Alley Cat, ein Erotikmagazin für Frauen, und Freundin Donna, im Prinzip genau das Gegenteil, für alle Frauen, die keinen Sex mehr haben, dafür aber einen schönen Garten. Und seit heute ist Chatter auf dem Markt. Ein trashiges Klatschmagazin für 50 Cent. Ja, stimmt, ich finde, das sind allesamt mutige Investitionen.
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