“Niemand zwingt uns, der Hektik des Netzes zu verfallen, warum also keine Wochenzeitung im Internet?” schreibt die honorige Redaktion der neuen Kontext:Wochenzeitung in Stuttgart. Da haben sich einige verdiente Journalisten versammelt, um gegen Qualitätsverlust und Wirtschaftsabhängigkeit der Presse anzuschreiben. Stuttart ist dafür derzeit wohl der best denkbare Ort und die Kollegen rund um Josef-Otto Freudenreich sind potentiell perfekte Vorbilder. Man möchte seufzen und ihnen zurufen: “Danke! Endlich macht das mal jemand!”
Die aktuelle Ausgabe hatte ich heute in meiner Samstags-Taz und auch online:

Warum nicht mal im Internet 'ne Wochenzeitschrift?
Nun, mmmmh. Räusper. Macht es Sinn, im Internet eine Zeitung zu veröffentlichen, die sich im Grunde gegen all das stemmt, was das Internet erfolgreich macht? Würde man eine Zeitung für Bolivien in Bad Tölz starten wollen? Oder anders gefragt: Ist Journalismus wirklich nur von hoher Qualität, wenn er so gemacht wird, wie ihr das mal vor vielen Jahr(zehnten) gelernt habt? Sind lange Texte an sich besser als kurze? Ist das Vermeiden einer Sichtbarkeit im Internet die einzige Möglichkeit, Qualität im Internet zu machen?
Die Kollegen stammen alle aus dem Stuttgarter Zeitungsverlag, in dem Stuttgarter Nachrichten, Stuttgarter Zeitung und Sonntag aktuell erscheinen. Dort habe ich vor mehr als zwei Jahrzehten ein Volontariat gemacht, habe dort als Journalist also gelernt. Und, hey, ich kenne die Kollegin und die Kollegen sogar noch ein bisschen. Und ich weiß genauso gut wie sie, dass auch bei den Tageszeitungen in Stuttgart die Unabhängigkeit nicht immer unangefochten war (und vermutlich ist) aber auch, das Journalismus nicht zwingend besser ist, wenn er auf gedrucktem Papier veröffentlicht wird. Außerdem würde es mich freuen, wenn die Kontext:Wochenzeitung den Pressemachern in Degerloch zeigt, das guter Journalismus DOCH funktionieren kann.
Vor einige Wochen hatte ich von dem Projekt gehört, auf die Webseite geschaut (ich halte mich da ja für so etwas wie einen Web-Spezialisten) und per Mail neben meiner ungeteilten Zustimmung auch meine Hilfe bei der Webseite angeboten. Das ging vermutlich in einer Flut von begeisterten Mails unter. Oder vielleicht wird einmal pro Woche der Mail-Account in die Rundablage geleert, oder Nachrichten von Google-Optimierern, werden sowieso von der Schere im Kopf heraus geschnitten. Jedenfalls gab es keine Antwort.
Das ich keine Antwort bekommen habe, ist nicht schlimm. Die Webseite, auf die ich schaue aber leider schon.
Ich denke nicht, dass jeder Schraubenhersteller und/oder Publizist eine SEO-optimierte Webseite haben sollte. Aber ich meine schon, dass eine Zeitung mit dem Hauptvertriebsweg “Internet” eine gute Internet-Seite sein sollte. Ich finde auch, man muss nicht alle Gewohnheiten der User ignorieren, die halt auch mal auf eine Überschrift klicken und nicht nach “zum Artikel” suchen möchten. Ich denke, man muss nicht die Leser ignorieren, die mangels Seh-Fähigkeit im Internet mit einem Screenreader navigieren sondern ihnen mit einer vernünftigen HTML-Auszeichnung sagen, wo die Überschrift und was der Text ist. Man sollte auch nicht nicht erwarten, dass sich ein Besucher der Seite erstmal lange damit beschäftigt, worum es eigentlich geht – bevor er Artikel liest.

Die Startseite, wie sie von Kurz-Besuchern gesehen werden
Worum geht es zum Beispiel hier, mag der hektische Internet-Besucher denken, wenn er die Startseite betrachtet und nicht so viel Kraft und Zeit aufbringt, alle Wörter zu lesen. (Ich habe den Text mal kurz weg gerubbelt.)
Na gut, möglicherweise will die Kontext:Wochenzeitschrift ja gar keine User, die nicht die Muse mitbringen, wirklich jeden Satz zu lesen…
Dann werden halt die Benutzer weg bleiben. Doch was hilft es der Welt, wenn man super Inhalte erzeugt, die keiner wahr nimmt?
Was ich hier schreibe, ist natürlich polemisch, tendenziös, nicht ausreichend recherchiert und nur dünn belegt. Garantiert auch voller Schreibfehler. Aber wer das bis hier hin gelesen hat, der hat sich einige Zeit mit diesem Artikel auseinander gesetzt – und darauf kommt es an, Herr Freudenreich. Ich bringe meine Gedanken unter die Leute und duch diesen Artikel werden das sogar mehr Leute. Ganz sicher. Das funktioniert, weil es Leute gibt, die im Internet auch gerne mal was lesen. Doch das können die nur, wenn sie diese Inhalte finden und wahrnehmen. Eine feste Abonnenten-Struktur gibt es nicht – und der Grossist, der die Zeitung in alle Haushalte bringt, heißt nun mal Google. Ob man den nun mag oder nicht.
Mit anderen Worten: Geiles Projekt, aber irgendwie zu staubig
Damit ich zum Ende komme, noch mal das Intro der Kontext:Wochenzeitung: “Niemand zwingt uns, der Hektik des Netzes zu verfallen, warum also keine Wochenzeitung im Internet?” Ja, liebe Kollegen in Stuttgart. Niemand zwingt euch. Es wäre aber ein großer Wunsch von mir, dass eure wirklich tolle inhaltliche Arbeit von vielen Menschen gelesen wird. Und das ist halt schwer, wenn man seinen eigenen Vertriebsweg, das Internet, eigenlich ziemlich doof findet. Und genau den Verdacht habe ich bei der Kontext:Wochenzeitung…