Info Deposit: Deutsche Nationalbibiliothek geht Archivierung des Internet an

November 1, 2006

Wie gemeldet: Die Deutsche Nationalbibiliothek hat den Auftrag das deutsche Internet zu archivieren. Formal gesagt: “Netzpublikationen als Medienwerke in unkörperlicher Form”, also “alle Darstellungen in öffentlichen Netzen” müssen bei der Nationalbibiliothek abgeliefert werden. Mit anderen Worten: Seit Juni müsst ihr eure Webseiten abliefern. Eine lustige Vorstellung – oder?

deutsche-nationalbibiliothek

Na ja, das Ganze ist ja nicht nur lustig. Denn in guter deutscher Tradition wird nun ein unglaublich kompliziertes System aufgebaut und bizarre Regelungen und Gesetze entwickelt. Versteht mich nicht falsch: Ich finde es eine wirklich gute Idee, die Dinge die im Internet geschehen auch festzuhalten – zumindest teilweise. Und die Waybackmaschine genieße ich immer wieder. Aber es ist doch einfach lächerlich, gewerbliche und private (!) Webseitenbetreiter unter Androhung eines Ordnungsgeldes zu zwingen, ihre Webseite “abzuliefern”. Oder?

Die Regularien sind noch gar nicht so eindeutig, denn die armen Menschen in der Nationalbibilithek müssen sich auch erst einmal hinein denken. Ein paar Aussagen gibt es aber jetzt schon:

  • deutsche nationalbibiliothekZunächst soll alles gesammelt werden, für das ein Äquivalent in der Printwelt vorstellbar ist.
  • Außerdem müssen alle Firmenwebseiten abgegeben werden, deren Informationsgehalt über Offentlichkeitsarbeit, Warenangebote oder Kataloge hinaus geht. Dazu gehören dann Blogs und Wikis
  • Nicht dazu gehören Vorabveröffentlichungen, reine Anwendungswerkzeuge sowie Fernseh- und Hörfunkproduktionen.
  • Aber Private Webseiten sollen archiviert werden.
  • Passwortschutz einer Site schützt nicht davor, dass sie abgeliefert werden soll – aber nur, wenn das Passwort allgemein erhältlich ist (was auch immer das dann genau bedeutet, möglicherweise ist damit ein kostenloses Login gemeint)
  • Auch kostenpflichtige Seiten sollen archiviert werden. Und diese Inhalte werden dann, wie die Printmedien, vor Ort auf den Rechnern der Bibiliothek einsehbar sein.
  • Fortlaufende Publikationen (also alles was sich ändert?) müssen alle sechs Monate abgeliefert werden.

Abgeliefert wird per Formular und irgendwie dann mit einem FTP-Upload. Aber ich denke, daran wird noch gefeilt…

Für die Mühen der Ablieferung darf der Ablieferer sich dann folgenden Text auf die Seite schreiben: “Die Deutsche Nationalbibliothek hat die Netzpublikation “xyz” archiviert.
Diese ist dauerhaft auf dem Archivserver der Deutschen Nationalbibliothek verfügbar.”

Super, das will ich haben. Per Mail habe ich nun einen Zugang bestellt. Und wenn der kommt, nehme ich mir mal ein paar Stunden Zeit, das Anmeldeformular durchzuackern. Da kann man mit einem Test-Account schon anonym mal reinschauen. Habe ich gemacht und ich war darüber verblüfft, wie wenig die Nationalbibilithekisten offensichtlich vom Internet verstehen. Die guten, alten Bibilothekare sollten mal die jungen Praktikanten fragen, wie “dieses weltweite Datennetz” in etwa funktioniert.
Nun denn: Das Ganze ist eine echt große Nummer für die Beteiligten – und wir können zunächst stauenend zuschauen. Denn das wirklich geniale daran ist der Zeitplan (Projektmanager aufgepasst!). Seit Ende Juni 2006 gibt es die Ablieferungspflicht. Derzeit wird über über die Abwicklung des ganzen Vorhabens noch gegrübelt, Verordnungen und Richtlinen gibt es freilich auch noch nicht. Außerdem wohl das Abgabeverfahren geübt, technisch erscheint mir das alles völlig unausgegoren. Und das Größte: Erst 2007 erhält die Nationalbibiliothek mehr Geld für diesen Sammelauftrag – und zwar etwa zwei bis 3 Millionen Euro zusätzlich. Das ist m.E viel zu wenig, um auch nur einen Teil des deutschen Internets zu archivieren.

Je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr grüble ich darüber, wer eigentlich solche weltfremde, unausgegorene und sinnlose Gesetze macht. Ich kann mich nur wundern. Aber ich werde so bald wie möglich meinen Webblog in der Deutschen Nationalbibiliothek anmelden. Dann können auch noch meine Urenkel diesen Artikel lesen – und ich kann euch erzählen, wie das weiter geht.

Bilder: Photocase und dnb.

Eric Kubitz ist auch auf Google+ und Twitter Twitter.

  • Nicolas Kübler

    für das Etat würde ich einen Link zu Google’s Cache und Waybackmaschine machen, da kann man dann einen Lebenslang einstellen, der immer darauf klickt und schaut, ob die Links noch gehen :)

  • Nicolas Kübler

    für das Etat würde ich einen Link zu Google’s Cache und Waybackmaschine machen, da kann man dann einen Lebenslang einstellen, der immer darauf klickt und schaut, ob die Links noch gehen :)

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