Cloud Computing = NC = SAS = Webservices = Videotelefonie

by Eric Kubitz on Oktober 24, 2008

in Internet

Ich muss mal was über Cloud Computing sagen. Und ich habe dazu eine komplizierte Formel entwickelt (siehe Überschrift) die ich im Folgenden herleiten werde. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Der Begriff “Cloud Computing” gehört, meiner Meinung nach, auf die ganz große Bullshitbingo-Karte.

Um das zu erklären, will ich kurz ausholen: Im Jahr 1999 (!) nahm Sun Microsystems – sehr öffentlichkeitswirksam – einen Anlauf, um den alles entscheidenden Sieg gegen Microsoft zu wagen. Das Internet war da und so etwas wie ein Computer ohne eigene Software, nur mit Diensten die über das Netzwerkkabel bezogen werden, wirkten modern und der Erfolg lag auf der Hand. Die Presse fand das einleuchtend, die Wirtschaft investierte.

Wie das ausging, ist bekannt, Sun dagegen nicht mehr sooo sehr…

Übrigens: Das war gar nicht das erste Mal, dass man über Netzwerkcomputer redete. Im Grunde waren diese ohnehin die Väter der Desktoprechner, die heute auf unseren Schreibtischen stehen. Bis Microsoft kam…

Warum hat das nicht funktioniert? Weil das Netz halt doch nicht immer und überall präsent ist, weil die Anforderungen an Software halt doch zu unterschiedlich sind um sie mit einer Serverinstallation abzudecken und weil Firmen und Privatleute die Daten halt doch lieber auf der eigenen Festplatte haben als in einem Rechenzentrum in, äh, wo eigentlich? Das ist alles nicht logisch und gut begründbar – aber es ist die Realität. Ein Sharing-Car ist auch billiger, besser gewartet und in jeder Großstadt gut verfügbar als ein eigenes Auto. Also, warum hast du ein eigenes Auto? “My car is my castle – and my computer too…”, könnte man sagen.

Wie auch immer, der NC hat sich nicht durchgesetzt. Danach gab es von verschiedenen Protagonisten ähnliche Ansätze wie SAS (Software as a Service), Webservices oder jetzt halt Cloud Computing. Alles logisch, sinnvoll und auch durchaus mit Erfolgspotential und sogar mit Erfolgs-Stories. Und wenn Google jetzt zum großen Cloud Computing Anbieter wächst, ist das angesichts der Dienste, die an die Suchmaschine ausgelagert werden können, durchaus ein großes Ding. Ich selber verwalte einen Teil meiner Dokumente, einen Teil meiner Mails und weitere Dienste via Google. Da stöhnen die Datenschützer und ich genieße die Einfachkeit der Anwendungen.

Aber, bitte: Es ist und bleibt Bullshitbingo – zumindest in großen Teilen. Denn eigentlich meint Google damit etwas anderes. Es sollen nicht Dienste sondern Rechenleistung ausgelagert werden. Das interessiert die meisten Berichterstatter zwar nicht – so findet sich als Beispiel von Cloud Computing tatsächlich sogar Apples Me auf den Beispiellisten (selbst in der Wikipedia!) – aber es geht bei Google eher um einen Business-Dienst für Webseiten, gewissermaßen Web-Hosting.

Wenn schon alle Webseiten im Google-Cache lagern, können sie auch gleich bei uns gehostet werden, denken sich die Suchmaschinenbetreiber. Nicht zu unrecht. Denn es gibt wohl keine Organisation auf dieser Welt, die besser mit einer unfassbar großen Zahl von Computern, deren Backups, ihrem Zusammenspiel und der weltweiten Verfügbarkeit umgehen kann. Die Kunden können dann zwar nicht mehr alles machen was sie wollen und müssen sich mit dem Google-Betriebssystem anfreunden – können dafür aber auch sicher sein, dass der Robot regelmäßig wohlwollend vorbei schaut. Das ist doch auch was, oder? Und, wenn alles gut läuft, könnte da sogar neben den Anzeigen noch ein zweites Geschäftsmodell für Google zu finden sein. Alle anderen Dienste (siehe Services oben) haben es ja finanziell nicht gebracht…

Um das noch mal kurz zusammen zu fassen:

  • Cloud Computing, wie es von den Medien verstanden wird, ist ein alter Hut.
  • Dieser alte Hut macht großen Sinn und auch Umsätze – ist aber kein Microsoft-Killer.
  • Eigentlich ist Cloud Computing eher so was “Hosting 2.0″ und vielleicht sogar ein Geschäftsmodell für Google.

Und, jetzt noch: Warum steht in meiner Gleichung oben noch “Videotelefonie”? Ganz einfach: Weil dies die Anwendung ist, die meiner Kenntniss nach seit 20 Jahren laut Medienberichten mit verschiedenen Namen kurz vor dem Durchbruch steht – aber nicht durchbricht. Und warum ist das so? Ich denke, Videotelefonie ist ein suuuper Produkt, das Ingenieure toll weiterentwickeln und Produktmanager totsicher verkaufen können. Der Nutzen ist sofort einleuchtend. Allein: Die Menschen wollen – rein emotional – beim Telefonieren ihr Gegenüber meist nicht sehen. Videotelefonie ist also ein Produkt, das gemacht wird, weil es funktioniert und das seine Berechtigung in einer Nische hat. So sehe ich das auch mit dem Cloud Computing.

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{ 2 comments }

Nicolas Kübler Oktober 24, 2008 um 9:46 am

Da fällt mir spontan Oracle's Larry Ellison ein:
“Oracle's Ellison nails cloud computing”
http://news.cnet.com/8301-13953_3-10052188-80.h...

eric kubitz Oktober 24, 2008 um 1:00 pm

Heieieieieiei – ausgerechnet er. War er nicht der Nummer-1-Eiferer, was den NC betraf? Klar: Damals war der Gedanke, dass das alles auf Sun-Rechnern mit Oracle-DB läuft. Einstiegspreis ohne weitere Software etwa 50 000 Mark (damals). Korrekt?
Und heute Cloudet Google & co auf irgendwelchen freien Datenbanken herum und Oracle guckt frustriert.
Larry ist aber wenigstens ein echter Charakter der auch mal die Klappe aufreißt.

thx for link

eric

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