Seltsame Debatte: Google vs. Newsredaktionen

März 19, 2009

Google macht einen Deal mit Presse-Agenturen – und die Branche tobt. Klar. Der Spiegel schäumt “Wie Google News-Redaktionen ausbeutet” und was macht Google? Auf Google News ist die beste Übersicht darüber zu finden:

google-news

Ist das erstens nicht eine ziemlich scheinheilige Debatte? Und ist das trotzdem, zweitens, ein völlig idiotischer Deal, der uns allen nicht gut tut?

Hier ein paar Punkte, über die ich in diesem Zusammenhang nachdenke:

  • Wenn sich eine Redaktion von Google News ausgebeutet vorkommt, ist es sehr einfach, dies zu unterbinden. Aus Google “auszutreten” geht recht schnell – und bei Google News ist das noch leichter. Das Problem ist nur: Dann bekommt man den Traffic von Google auch nicht mehr – und den will auch der Spiegel ja schon haben. Damit damit wird die Aussage “ausbeuten” zu einer verlogene Aussage – denn es ist schlicht ein Deal.
  • Dass die Agenturen ihre Meldungen an den Redaktionen vorbei an Google liefern und dann an mit AdSense-Brotkümeln verdienen wollen, ist – auch ohne Moraldebatte – meiner Meinung nach idiotisch. Erstens sollte man wohl kaum seinen Kunden in die Suppe spucken – und die Verlage sind nun mal die Kernkundschaft der Agenturen. Besonders blöd ist der Zeitpunkt, da sich die Verlage mit Google streiten. Und zweitens können die Agenturen doch wohl nicht wirklich damit rechnen, mit einem AdSense-Sharing ein vernünftiges Businessmodell aufzusetzen. Da scheint Google eine Old-Economy-Truppe in einen digitalen Rausch geredet zu haben.
  • Sehr richtig schreibt der Spiegel: “Ohne Redaktionen ist Agenturmaterial nur eine riesige, chaotische Ansammlung von Meldungen. Daran ändert auch Google News nichts – auch wenn man diesen Eindruck bekommen könnte.” Und das ist echt ein Problem – und wäre für der Kern der Debatte. Sehr viele Menschen glauben tatsächlich, dass das, was über eine Suchmaschine gefunden wird, die Qualität einer journalistschen Zusammenstellung hat. Mit anderen Worten: Die Leistung, die Nachrichtenredaktionen bei der Navigation durch die Nachrichtenflut bringen, wird gar nicht gesehen.

    Ich habe 60 Artikel über ein Thema in einer Reihenfolge, lese zwei/drei davon und fühle mich informierter als nach einem Artikel auf einem Nachrichtenportal. Aber das ist natürlich ein Missverständnis.

    Und am Ende hat niemand etwas davon, wenn jeder seine eingehenden Informationen komplette selber sammeln muss und sich die professionellen Nachrichten-Filterer-und-Zusammenfasser, nämlich Journalisten, mehr um die Optimierung auf AdWords als auf die Navigation durch das aktuelle Geschehen kümmern.

Und was will ich damit sagen?

Erstens bin ich der Meinung, dass die Debatte wie sie geführt wird, scheinheilig ist und deshalb auch versanden wird. Zweitens halte ich diese Entwicklung den Teil einer wirklich miesen Gesamtentwicklung in dem die Agenturen ein ganz schlechtes Bild abgeben – die Verlage aber auch.

Mein Vorschlag wäre, dass – vor allem – die deutschen Verlage mal *miteinander* reden, sich über ihr Kerngeschäft (“Content is King”) Gedanken machen, darüber auch mit Suchmaschinen reden und bei der Navigation durch die Nachrichtenflut besser und vor allem moderner werden. Dann haben sie – meiner Meinung nach – nicht nur eine Chance sondern eine recht goldene Zukunft.

Und dann hat da Stefan Niggemeier dazu auch noch eine interessante Aufdeckung gemacht  ;-)

Könnte passen:

  1. Hamburger Presseclub: Google, das Böse?
  2. Google Zeitgeist: Spannend?
  3. Google Trends: It’s not only a fun tool…

Eric Kubitz ist auch auf Google+ und Twitter Twitter.

  • Stefan

    Dabei ist ausgerechnet beim Spiegel neben Wikipedia wohl Google das wichtigste Arbeitsinstrument.

    Wenn die Meldungen dann noch direkt von den Agenturen bei Google erscheinen, ist doch nichts anders als bisher. Wenn man jetzt Meldungen zu einem Thema sucht, findet man eh zigmal die gleiche Meldung geringfügig umgeschrieben. Ob da eine mehr oder weniger erscheint, ist mir dann egal.

  • http://www.relevantmedianow.com Stephan

    Ganz einfach: Absolut richtig!

  • Stefan

    Niggemeier hat übrigens auch einen netten Artikel, der hierzu passt:

    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wie-welt-o…

  • https://www.xing.com/profile/Marc_Pfeil Marc Pfeil

    Lieber Herr Kubitz,

    “Content is King”: Den Satz hat Thomas Middelhoff vor rund acht Jahren losgelassen… Aber in diesen Jahren hat sich die Medienwelt tatsächlich noch ein wenig verändert. Hört sich komisch an – ist aber so ;-) Meiner Meinung nach sollten sich die Verlage vor allem Gedanken machen über Links, API-Schnittstellen, Widget-Marketing und Social Networks.

    Denn: Link is King!

    Grüße aus Köln
    Marc Pfeil

    PS: Die dt. Verlage sollten sich ein Beispiel an der NY Times, The Guardian und SPON nehmen.

  • http://www.kubitz.net eric108

    Hallo Marc Pfeil,

    unter alle Tasks für die Verlage (Links, API, Widgets, Social Netzworks) mache ich einen Haken – damit können die sich modernisieren. Doch das schönste Hochleistungnetz bringt nix, wenn an keiner Stelle etwas produziert wird, was darin zirkulieren kann. Und das wäre in dem Fall der Content, die Kernkompetenz der Verlag.

    “Content is King” hat auch Middelhoff vor 8 Jahren gesagt (oder nachgeplappert?). Jedenfalls durfte ich vor 9 Jahren ein Unternehmen mitgründen, bei dem wir uns genau das mit in die Prioritätenliste ganz oben geschrieben haben. Und jetzt bitte ich mal darum zu schauen, wo heute Chip Online in der Agof steht. Das ist das Ergebnis unserer Gründung. Zum Beispiel steht Chip Online deutlich über Spon…

    Ich denke, wir wir meinen vermutlich dasselbe – nur in einer anderen Ausprägung ;-)

    Güße aus Bad Tölz
    eric

  • http://chip.de Sebs

    Ich kam ja eigentlich zum stänkern (ich hasse das Thema) .. aber auch ich kann nur wiederholen: Content is King.
    Aber 2009 sollte das doch schon jeder kapiert haben. Nur wer vorher Content sagt, der kann auch link sagen ;)
    Die Diskussion zeigt deutlich wie schlecht es dem einen oder anderen Medium geht.

    Was passiert eigentlich wenn die alle die wirklichen Neuerungen entdecken (Web 2.0 is ja auch schon fast wieder raus)

    http://www.ted.com/index.php/talks/tim_berners_…

    http://pipes.yahoo.com

    http://www.opencalais.com/

    http://dbpedia.org/About

    So einfach lässt sich die nahe Zukunft subsummieren ;) Man muss sich nur mal ausserhalb der ganzen Networkingkreise bewegen, da wo Technologie gemacht und nicht kopiert wird ;) ))

  • http://www.kubitz.net eric108

    mh, ja. Darf ich den Spruch verwenden? “Nur wer vorher Content sagt, darf auch Link sagen”. Großartig!

  • Sebs

    Ohne Namensnennung, mach ihn zu deinem ;) Gerne.

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