Sep
25
Ausgebloggt
Von Eric Kubitz, gespeichert in Über diesen Blog
Dies ist mein letzter Blog-Post auf kubitz.net. Ihr könnt nun Feed-Subscription killen und meine Postings hier vergessen. Ich schenke euch damit ein wenig Extra-Zeit. Nutzt sie sinnvoll.

Doch weil ich ein ordentlicher Mensch bin, will ich noch schnell nass rauswischen und erzählen, wieso dieser Weblog stirbt. Also, los geht’s
Allgemein betrachtet: Bloggen hat keine Zukunft
Das ist natürlich arg pointiert – aber diese Überschrift gönne ich mir. Denn es liegt Wahrheit in der Aussage. Ich beziehe mich hierbei z.B. auf eine Umfrage von CHIP Xonio Online die morgen auf der OMD veröffentlicht wird. CXO hat mehr als 3000 Leute gefragt; und zwar welche, die es wissen müssen. Langjährige Internet-Nutzer mit DSL-Zugang und Netzwerk @home. Leute, die wir zu Recht als Netz-Avantgarde bezeichnen dürfen. Sie haben gesagt, dass sie in Zukunft mehr im Internet Shoppen möchten. Und sie möchten in 5 Jahren deutlich mehr IP-TV und IP-Telefonie nutzen. Technikfeindlich und unwissend sind die also nicht. Aber nur 16 % von ihnen lesen heute Blogs, und im Schnitt gehen sie davon aus, dass das in den nächsten 5 Jahren auch mehr wird. Da nun aber die Internet-Nutzung allgemein in den nächsten Jahren steigen wird, werden Blog relativ an Relevanz sogar verlieren. Ähnlich sieht das für Communities sowie Kontaktnetzwerke aus und wirklich desaströs sind die Ergebnisse für Second Life.
Aber dass ich Second Life für Quark halte und nicht mehr darüber schreibe, habe ich euch schon im Februar gepostet – also ein paar Wochen vor Mario Sixtus, bei dem das natürlich für deutlich mehr Aufsehen gesorgt hat. ![]()
Also: Die CHIP-Nerds wollen weniger Blogs. Na und? Das klingt doch irgendwie auch wie die Umfrage in einer übertechnisierten Spaßkiller-Fraktion. Unter Leuten also, die sowieso nicht in die spaßige Blogosphäre Communities passen und die lieber mit ihrer Festplatte als mit Menschen kommunizieren. Ja nun, das könnte schon so sein, jeder interpretiere Statistiken wie er möchte. Aber trotzdem: Mich überraschen diese Zahlen nicht. Nennt mich verbohrt oder verblendet – aber auch ich halte Blogs hierzulande für überbewertet. Ja, das meine ich ernst. Und das, obwohl wir den USA in Sachen Blogs sogar meilenweit hinterher hinkt. Wie kann das sein?
Die Antwort findet ihr in jedem guten Bahnhofskiosk. In welchem Land gibt es denn sonst noch so viele gute Journalisten, Zeitungen und Magazine, so viel Fachpresse? Nur in Deutschland ist die Presselandschaft (ein Geschenk unserer ehemaligen Besatzer) so bunt, vielfältig und so – ja – gut. Das klingt natürlich nach Eigenlob, da ich als ehemaliger Journalist durch alle Lernwege gegangen bin. Doch das Eigenlob geht daneben – heute bin ich kein Journalist mehr. Heute arbeite ich auf anderer Ebene mit Redaktionen – und manche quälen mich mehr als andere Berufsgruppen. Manchmal könnte man meinen, die Journalisten halten sich für den naturgegebenen Nabel der Öffentlichkeit – selbst wenn sie in noch kleinen Fachnischen unterwegs sind. Manchmal nervt das. Manchmal.
Aber, hey: ist da nicht sogar was dran? Ist hierzuland der Journalismus trotz allem nicht auch fair, ausgewogen, intelligent und ehrlich? Klar, es kommt immer drauf an, was man liest. Aber ob ich die Bildzeitung konsumiere oder den Spiegel durcharbeite – das ist ja meine persönliche Entscheidung. Hier habe ich zumindest die Wahl.
Danke also an die großen Verlage, die noch lange keine amerkanischen Verhältnisse zulassen, und danke an die kleinen Macher, die den Raum dazwischen ausfüllen. Und genau die sind es, die auch im Internet die User deutlich von den Blogs ablenken. Es gibt online einfach schon gute News, pointierte Meinungen und eine ausgewogene Fachpresse. Die sind auch nicht so schwer die zu finden – wenn man sich an den den Printmarken orientiert. … Na gut, zumindest größtenteils, es gibt auch schlimme Ausnahmen. Aber viel Raum für Blogs ist jedenfalls nicht mehr da.
Wo man das am stärksten spürt: Es gibt in Deutschland keine wirklich guten Politik- oder Gesellschafts-Blogs. Und warum? Ich denke, erstens weil wir diese (s.o.) wohl nicht so sehr brauchen. Und zweitens, weil die neugierigen, wütenden oder einfach nur begeisterten deutschen Schreibtalente nun mal eine reale Chance haben, sich entweder auf Papier oder online unter dem Dach einer Qualitätszeitungsmarke zu verwirklichen. In Deutschland brauchst du nicht unbedingt einen Blog wenn du eine Botschaft hast.
Na ja, und schaut euch die deutschen A-Blogger an: Viele der wirklich spannenden Blogs wie der Elektrische Reporter, Bildblog oder turi2 werden doch nicht von redaktionsfernen Seiteneinsteigern gemacht sondern von hervorragenden Medienmachern die ihr journalistisches Handwerk gelernt haben und sich mehr oder weniger nebenher ihre eigene Spielwiese schaffen. Für sie ist ein Blog das perfekte Produktionsmittel („lean production“). Aber, hey, gebt Peter Turi ein vernünftiges Redaktionssystem zum Selbstadministrieren – und ich behaupte, dann hat auch er er ausgebloggt und macht einen „normalen“ Branchendienst mit Kommentarfunktion. Why not?
Und ein im Herzen reiner A-Blogger wie Robert Basic ist doch sowieso eine Ausnahmeerscheinung. Ich bewundere seine Breitsicht und seine Durchsetzungkraft. Aber – Hand aufs Herz – befürchten wir denn nicht auch alle ein wenig, dass er irgendwann einen „vernünftigen“ Job findet und dann die Blog-Grätsche macht?
Mit anderen Worten: Ich denke, Deutschland braucht Blogs nicht so dringend wie die USA und hat dafür auch nicht das “Humankapital”.
Persönlich betrachtet: Ich will nicht mehr bloggen
Aber, jetzt mal ganz unter uns: Die große Blog-Theorie da oben ist ja nicht wirklich der Grund, warum ich zu bloggen aufhöre. Immerhin habe ich täglich 100 bis 200 Leser, das ist doch was. Also, um wirklich ehrlich zu sein: Das sind größtenteils keine Fans meiner untalentierten Schreibe oder persönliche Anteilnehmer meines Lebens – sondern zu 70 % Google-Referrer. Denn das war immer ein großer Teil meiner Motivation: Ich arbeite als Webcoach und muss ja irgendwie checken, ob Google wirklich so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. Also habe ich das auf meinem eigenen Blog getestet. Wenn ich etwa über die Auswahl meines neuen Handys gepostet habe, war das zwar auch ein Abbild meiner Realität aber trotzdem ein Keyword-Test für Google. Sorry an die lieben Leser und Kommentatoren – aber das muss ich hier nun einfach mal sagen. Ich habe nix geschrieben, was ich nicht auch denke, aber wie ich es geschrieben habe, hatte immer mehr mit Google als mit meinem Sendebewußtsein zu tun.
Nun, und obwohl diese Arbeit auch spaßig war – es war vor allem eine Menge Arbeit. So viel Arbeit, dass ich z.B. heute nicht auf die OMD gefahren bin sondern Kundenaufträge ab-arbeite. Das ist nicht besonders clever, aber war nicht anders zu machen.
Und da ich auch noch Familie, Freunde und ein Privatleben habe, ist der persönliche, der eigentliche Grund, warum kubitz.net in dieser Form sterben muss, einfach ein Zeitproblem. Ich stecke in Zukunft meine Kraft mehr in die Arbeit für meine Kunden und fahre mal lieber wieder auf eine Messe.
Sozusagen: Schwätzen statt bloggen.
Zum Schluss ein attraktives Angebot
So, und wer diesen unfassbar langen Beitrag bis zum Ende durchgelesen hat, bekommt jetzt die Chance auf eine Belohnung: Ich werde meine Seiten zumindest eine Zeit lang im Web belassen. Weil ich aber keine Lust mehr habe, gegen die Spam-Massen zu kämpfen die sich hier ständig fest hängen, werde ich das no-nofollow-Plugin raus nehmen. Das heißt also, dass ihr mit einem Kommentar keinen googlefähigen Backlink mehr bekommt. Allen, die mir aber was Nettes schreiben, werde ich trotzdem einen sauberen, echten Pagerank-4 oder 5-Link verpassen. Ihr werdet schon sehen…
Ich werde natürlich nicht auf suspekte SEO-Seiten und auf Blogs verlinken, mit denen ich nichts zu tun haben will. Und überhaupt: Die Auswahl der Linkziele erfolgt emotional, meinungsgetrieben und vermutlich ungerecht.
Aber – nun ja: Das hier ist meine Webseite. Und da mache ich was ich will.

P.s.: Es gibt natürlich auch ein Nachfolgeprojekt – und meine wirklichen Leser dürften ahnen, worum es geht. Aber da brauche ich noch etwas Zeit für.
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